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Frühkindliche Erziehung : Warum hörst du nicht auf zu brüllen?

Wer hat Schuld? Diese Frage quält viele Eltern von Schreibabys oft mehr als das Gejammer des Kindes selbst. Bild: dpa

Die ultimative Erklärung, warum ein Säugling zum Schreibaby wird, hat die Medizin immer noch nicht. Erschöpften Eltern helfen kann sie aber trotzdem.

          Wenn ein Baby ständig schreit, kriegen Mütter zwei Sorten von Ratschlägen zu hören, die sich leider widersprechen.

          Julia Schaaf

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Die einen sagen: Dein Baby schreit, weil es Hilfe braucht. Beruhige dein Baby sofort, sonst nimmt es Schaden - und du bist eine schlechte Mutter.

          Die anderen sagen: Babys schreien halt mal, bleib cool. Wer es mit seiner Sorge übertreibt, ist eine Helikoptermutter und verzieht das Kind.

          Zwischen diesen Ratschlägen liegt der Abgrund, den Hanne Lorenzer (Name geändert) noch vier Jahre später „die Hölle“ nennt. „Ich war ein völliges Wrack. Ich war psychisch komplett am Ende. Und körperlich sowieso“, sagt die Siebenunddreißigjährige.

          Was hatte sie sich auf ihr erstes Kind gefreut! Eine unkomplizierte Schwangerschaft, eine glückliche Beziehung. Lorenzer kaufte einen gebrauchten Kinderwagen und hängte farbenfrohe Bilder von Schildkröten und Kühen in ein frisch gestrichenes Zimmer. Dann kam Bendix zur Welt. Die ersten 24 Stunden im Krankenhaus schlief er. „Ich habe das liebste Baby der Welt“, dachte Lorenzer.

          Drei Tage später zu Hause fing Bendix an zu brüllen. Morgens. Mittags. Abends. Nachts. Und immer zwischendurch. Er wurde gestillt - und brüllte. Er wachte auf - und brüllte. Andere Babys gucken, quaken, quietschen, brabbeln. Bendix brüllte. Und das schon bald so schrill, so laut, dass Lorenzer verstehen konnte, dass die Leute auf der Straße ihr nachschauten, als würde sie ihr Kind erwürgen, obwohl sie diese Blicke hasste und schleunigst das Weite suchte: „Da hätte ich auch geguckt.“ Der ultimative Alarm.

          Jedes vierte bis fünfte Baby wird zum Schreibaby

          „Hoffentlich wird es kein Schreikind“, raunen sich Schwangere in Geburtsvorbereitungskursen zu. Gemeint sind, definitionsgemäß, Säuglinge, die mehr als drei Stunden am Tag schreien, und das an mindestens drei Tagen in drei aufeinanderfolgenden Wochen. Jedes vierte bis fünfte Baby tut das. Warum? „Das ist die 200.000-Dollar-Frage“, sagt Dieter Wolke, Professor an der University of Warwick in England, der seit 30 Jahren zum Thema forscht. Fest steht inzwischen, dass es in höchstens zehn Prozent der Fälle an den gern bemühten Koliken oder anderen physiologischen Ursachen liegt, einer Unverträglichkeit gegen Milcheiweiß zum Beispiel oder Verrenkungen der Nackenwirbelsäule.

          Wolke zufolge gibt es Schreibabys in allen Kulturen, unabhängig vom Erziehungsstil. Je ängstlicher die Mutter, je weniger Selbstvertrauen sie habe, um so eher empfinde sie das Schreien als Problem. Tatsächlich jedoch bekämen erfahrene, gelassene Mütter genauso häufig Schreibabys wie Erstgebärende. Anpassungsschwierigkeiten, heißt es lapidar.

          „Der hat nichts“, sagte der Kinderarzt, auch als die Eltern Bendix wieder und wieder vorstellten. Hanne Lorenzer ließ ihren Sohn in der Uniklinik untersuchen. Sie ging mit ihm zum Osteopathen. Sie sang für ihn. Kochte Einschlaftee, kippte beruhigende Zusätze ins Badewasser und verabreichte Globuli, die die Hebamme empfahl. Tagsüber schob sie stundenlang den Kinderwagen durch den Stadtwald oder schleppte das Baby in einem Tragesack vor den Bauch geschnallt herum. Nachts saß sie bei Bendix an der Wiege. Mit der einen Hand schaukelte sie das Kind, in der anderen hielt sie den laufenden Föhn, weil das Geräusch ihn beruhigte. Bei jeder Unterbrechung wachte Bendix auf. Und brüllte.

          Weil Lorenzer nicht mehr zum Essen kam, wog sie bald weniger als vor der Schwangerschaft. Bekam sie ausnahmsweise zwei Stunden Schlaf am Stück, fühlte sie sich erholt. Ihr Mann war beruflich viel unterwegs und durch den Stress im Job kaum belastbar. Und weil das Paar gerade die Stadt gewechselt hatte, waren Freunde rar, die Großeltern fern.

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