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Schmerztherapie : Cannabis für Kinder

Bau dein Cannabis doch selbst an

Ansonsten sieht Gottschling die Kinder aber als die Verlierer bei der gegenwärtigen gesellschaftlichen und politischen Diskussion rund um Cannabis. Genau genommen, spielten sie gar keine Rolle in der Diskussion.

Besonders die Debatte um den Eigenanbau von Cannabis hält Gottschling für falsch. Seine kranken Patienten und deren Eltern hätten überhaupt kein Interesse, Cannabis selbst anzubauen. Sie seien dazu meist weder in der Lage, noch würden sie sich eine eigene dosierte Therapie zutrauen. Das Gleiche gilt, wie Gottschling aus Erfahrung weiß, auch für erwachsene Patienten.

Statt darüber zu diskutieren, wie man die Indikationen für Cannabis-Rezepturen- oder -Fertigmedikamente auf breitere Füße stellen und ihre Verordnung erleichtern könne, streite man darüber, ob und wie viele Pflanzen ein Patient auf dem Balkon haben dürfe, sagt Gottschling. Er findet die Vorstellung geradezu absurd, Patienten zu sagen: „Bau dein Cannabis doch selbst an.“ Vor allem, wenn es Kinder betrifft. Man schicke Patienten ja auch nicht in den Wald, damit sie sich Acetylsalicylsäure gegen Kopfweh aus der Weidenrinde kratzen, oder rate Krebspatienten, Schlafmohn im Garten zu pflanzen, um daraus Opioid zu gewinnen.

Wirkung aus dem Labor – besser als ein Joint

Mit den Cannabis-Fertigmedikamenten und -Rezepturen könnten heute schon deutlich mehr Patienten gut versorgt werden als die 300 bis 400 Patienten, die hierzulande eine Ausnahmegenehmigung vom Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte haben. Nur sie dürfen sich bislang in der Apotheke Cannabisblüten zum Rauchen holen.

Darauf, dass Cannabis in Blütenform eine ganz andere Wirkung als in Tropfenform hat, weist Holger Rönitz hin. Er ist einerder Mitgründer der aus einer Patienteninitiative hervorgegangenen THC-Pharm GmbH. Das Unternehmen ist eines von zwei in Deutschland, die hochreine Dronabinol-Arzneimittel in einem aufwendigen Verfahren herstellen.

Ihre Wirkung unterscheide sich deutlich von der eines Joints, sagt Rönitz: „Die Zusammensetzung und Dosierung von Cannabis direkt aus der Blüte lässt sich schlecht steuern. Durch die Verarbeitung im Labor unter strengen Bedingungen sorgt man dafür, dass die Arznei langsam, gezielt und länger wirkt als die Blüte.“ Berauschende Nebenwirkungen seien dabei die Ausnahme. Ganz abgesehen davon, dass das Rauchen der Blüten an sich schon gesundheitsgefährdend sei, meint Rönitz.

Billig zum Kick?

Cannabis ist der Definition nach eine Gattung der Hanfgewächse. Um einen Rausch zu erleben, wird Cannabis meist in Form von Haschisch oder Marihuana konsumiert. Unverarbeitet enthält Cannabis neben dem psychoaktiven Cannabinoid Tetrahydrocannabinol (THC) und dem eher sedierenden Cannabidiol (CBD) noch weitere Cannabinoide und andere Stoffe, deren medizinischer Nutzen nach Meinung der Experten noch nicht belegt ist.

Warum es Patienten gibt, denen nur die gerauchten Blüten der Hanfpflanze und nicht die im Labor hergestellten Medikamente helfen, konnten Ärzte und Wissenschaftler bis heute nicht eindeutig erklären. An Spekulationen darüber will sich Gottschling genauso wenig wie Rönitz beteiligen. Gottschling kann nur sagen, dass er bei Kindern diesen Unterschied in der Wirkungsweise noch nicht erlebt hat.

Aus anderen Ecken aber hört man hinter vorgehaltener Hand, dass hinter manchem Antrag, Cannabis für die eigene Gesundheit selbst anbauen zu können, vielleicht auch der Gedanke steckt, sich legal und preiswert einen Kick holen zu können.

Weniger Nebenwirkungen dank Cannabis

Eine klare Reglung und eine weniger emotionale Diskussion, bei der nicht die Frage der Legalisierung und die des medizinischen Nutzens von Cannabis vermischt werden, würde Gottschling nicht nur in den Verhandlungen mit den Krankenkassen, sondern auch in Gesprächen mit den Eltern Erleichterung verschaffen.

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