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Schmerztherapeut im Gespräch : „Kein Schmerzmittel sollte frei verkäuflich sein“

  • -Aktualisiert am

„Manche Leute schmeißen das Zeug ein wie Smarties“, kritisiert Schmerztherapeut Gottschling. In der Hausapotheke darf man die Mittel natürlich trotzdem haben. Bild: LAIF

Eigentlich müsste heutzutage kein Patient mehr Schmerzen haben, meint der Arzt Sven Gottschling. Im Interview erklärt er, was seine Kollegen falsch machen.

          Herr Gottschling, Millionen Deutsche leiden an chronischen Schmerzen. Warum haben wir das nicht im Griff?

          Der Schmerz wird auch von uns Profis immer noch stiefmütterlich behandelt – obwohl er so viele Menschen quält.

          Warum ist das so?

          Viele ärztliche Kollegen belächeln das Thema und halten Schmerzen für zu banal. Und wenn sie etwas tun, dann häufig das Falsche.

          Zum Beispiel?

          Der Klassiker ist: Viele der auch rezeptfrei erhältlichen Medikamente wie Ibuprofen oder Diclofenac werden zum Teil über Wochen an Patienten verfüttert. Dabei wissen wir, dass diese Substanzen riesige Löcher in die Magen- und Darmwände fressen. Allein an davon verursachten Blutungen sterben jedes Jahr mehrere tausend Menschen. Wie wissen auch, dass Ibuprofen das Herzinfarkt-Risiko verdreifacht – ab einem bestimmten Alter verbietet sich dieses Medikament also eigentlich. Aber es sind immer noch die am meisten verordneten Medikamente.

          Was ist denn die Alternative?

          Dazu muss man erst mal verstehen, dass Schmerz etwas sehr Komplexes ist. Auch wenn ich mir mit einem Hammer auf den Finger schlage, entsteht das, was ich dann wahrnehme, im Kopf. Die Wurzelbehandlung beim Zahnarzt fühlt sich sehr unterschiedlich an, je nachdem, ob ich eine halbe Stunde zuvor erfahren habe, dass mir zu Hause die Hütte abgebrannt ist, oder von einem Lottogewinn. Bei dem einen Mal werde ich viel mehr Schmerzen haben, als eigentlich notwendig, und beim anderen Mal merke ich wahrscheinlich nichts, weil ich im Geiste mit einem seligen Lächeln meine Yacht einrichte. Psychische und soziale Faktoren beeinflussen den Schmerz also, so dass eine Tablette allein sehr oft viel zu wenig ist.

          Aber wenn ich mich mit dem Hammer haue, dann tut es nun einmal weh, und das soll aufhören.

          Das stimmt, und das ist sehr einfach. Dann müssen Sie vielleicht mal zwei Tage ein abschwellendes, schmerzlinderndes Medikament nehmen. Problematischer ist es bei den vielen Menschen mit chronischen Spannungskopfschmerzen, mit Reizdarmsyndrom oder mit Rückenschmerzen. Meistens ist bei denen nichts wirklich kaputt. Sie haben häufig milde Funktionsstörungen, die zum Beispiel zu Blockaden und Verspannungen führen. Die kommen oft von Anspannung, von Stress, sei es beruflich oder privat.

          Das heißt, der Schmerztherapeut muss ein Psychotherapeut sein?

          Das gehört unabdingbar dazu. Die chronischen Schmerzpatienten sind über die Phase, in der ich sie für ein paar Tage mit Pillen zuschmeiße, längst hinweg. Denen muss ich Entspannungsverfahren zeigen, sie überzeugen, sich gelegentlich zu bewegen und sich anzugewöhnen, den Kasten Sprudel nicht aus dem Kreuz zu heben, sondern aus den Knien. Manche müssen sich vielleicht einen anderen Job suchen, weil sie jedes Mal Bauchweh kriegen, wenn sie ihren Chef nur sehen.

          Ich kann mir nur schwer vorstellen, dass Menschen besonders geduldig sind, wenn es darum geht, ihre Schmerzen loszuwerden.

          Ich erlebe viele, die total genervt sind, wenn ich ihnen das psychosoziale Schmerzmodell erkläre und sage, dass mein therapeutischer Anteil kleiner ist, als der, der bei ihnen selbst liegt.

          Ein Beispiel: Jugendlicher, 16, immer Kopfschmerzen. Was tun Sie dann, wenn Sie keine Pillen verschreiben?

          Natürlich bekommen die von mir auch kurzfristig ein Medikament, aber immer verbunden mit dem Hinweis, was sie in ihrem Leben verändern müssen, damit das langfristig gut bleibt.

          Wenn Ibuprofen böse ist: Was ist ihr Mittel der Wahl?

          Wenn es kein Entzündungsschmerz ist, wähle ich Metamizol. Das ist zwar das Medikament, das auch unter den Kollegen immer noch mit der meisten Angst belegt ist. Aber der letzte belegte Fall, in dem Metamizol zum Tod geführt hat, ist mehr als 25 Jahre her – und das bei geschätzt mindestens 4000 Blutungstoten durch die anderen Substanzen pro Jahr allein in Deutschland.

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