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Schmerztherapeut im Gespräch : „Kein Schmerzmittel sollte frei verkäuflich sein“

  • -Aktualisiert am

Seit einigen Wochen wird das Opioid Methadon als „Krebswundermittel“ gehandelt. Merken Sie den Hype?

Allein heute hatte ich sieben Anrufe von Patienten, die nach Methadon gefragt haben. Nach den Fernsehberichten in den vergangenen Monaten tut das derzeit, so höre ich das von Hausärzten und Onkologen, jeder dritte Tumorpatient. Die Menschen glauben, dass Methadon ganz easy neben der Chemotherapie verschrieben werden kann, keine Nebenwirkungen hat und auch noch den Krebs heilt.

Sven Gottschling ist leitender Arzt am Zentrum für Palliativmedizin und Kinderschmerztherapie der Uniklinik des Saarlandes.

Und das ist falsch?

Wir nutzen Methadon als Schmerzmittel, da ist es segensreich. Eine Wirkung auf Tumore ist nicht hinreichend genug belegt, als dass ich einen solchen Einsatz vor mir selbst rechtfertigen könnte.

Was spricht dagegen, es einfach auszuprobieren?

Dass wir Ärzte unseren Patienten in erster Linie nicht schaden dürfen. Es gab in Deutschland seit Beginn des Hypes schon mindestens einen Todesfall, weil Methadon falsch angewendet worden ist. Wir selbst haben in der Klinik schon Patienten mit lebensgefährlichen Komplikationen deswegen behandeln müssen.

Was macht das Medikament so gefährlich?

Die individuelle Halbwertszeit. Es wird in jedem Menschen unterschiedlich schnell abgebaut. Manchmal dauert es wenige Stunden, manchmal fast drei Tage. Das macht die Dosierung so schwierig – und deshalb kommt es so oft zu einer Überdosierung.

Was passiert dann?

Dasselbe, was dem Junkie passiert, der sich zu viel Heroin gespritzt hat. Der verliert im schlimmsten Fall das Bewusstsein und stirbt an einer Atemlähmung. Andere Warnsignale wie Übelkeit oder Konzentrationsstörungen sind gerade bei den Patienten mit Hirntumoren, die besonders häufig nach Methadon fragen, nicht von denen der Krankheit zu unterscheiden.

Bedeutet das, Sie verordnen Methadon nie als Krebsmedikament?

Es gibt Kliniken, die das so handhaben. Wir versuchen einen Mittelweg – nicht weil wir die Hoffnung haben, dass Methadon Tumore verkleinert, sondern weil wir die Hoffnung und die Not der Patienten respektieren. Trotzdem verordne ich das Medikament unmissverständlich als Schmerzmittel und nur unter zwei Bedingungen: wenn der Patient es ausdrücklich selbst will und wenn er einen opioidpflichtigen Tumorschmerz hat. Selbst dann, wenn jemand bislang etwa Morphin bekommen hat, ist die Umstellung nicht einfach. Methadon ist ein Verwandter von Morphin, aber mit deutlich zickigeren Eigenschaften. Teilweise leiden die Patienten wochenlang, bevor es ihnen überhaupt wieder so geht wie vorher. Wir nehmen einem schwerkranken Menschen im schlimmsten Fall wertvolle Zeit und Lebensqualität.

Methadon-Befürworter sagen, das Mittel werde nur deshalb nicht verschrieben und erforscht, weil es so billig ist und niemand damit Geld verdienen kann.

Ich höre das manchmal von Patienten: „Sie geben mir das nur nicht, weil Sie mit teureren Medikamenten Geld verdienen wollen.“ Es ist ein Irrglaube, dass der Arzt etwas daran verdient, je teurer das Medikament ist, das er in den Patienten gießt. Klinikärzte verdienen unabhängig davon, wie viel Geld sie versenken. Und niedergelassene Ärzte freuen sich über billige Medikamente, weil sie das Budget weniger belasten.

Und die Forschung?

Es stimmt natürlich: Methadon ist unschlagbar billig und hat seit Jahren keinen Patentschutz mehr, weshalb es von der Industrie keine Unterstützung für die Forschung gibt. Wir Ärzte sind ja aber nicht nur industriehörig. Wir haben eine eigene Meinung und ein eigenes hohes Interesse herauszufinden, was am Methadon dran ist. Es sind Studien in Planung. Aber Erkenntnisgewinn in der Medizin dauert. Wir werden frühestens in anderthalb Jahren wirklich belastbare Daten haben.

Sven Gottschlings Buch „Schmerz los werden“ erscheint im S. Fischer Verlag.

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