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Neurologe im Interview : „Kopfschmerzpatienten sind unterversorgt“

Kaum auszuhalten: Starke Kopfschmerzen und Migräne können einem den kompletten Tag zerstören. Bild: Picture-Alliance

Ein neues Medikament soll Menschen mit Migräne zu mehr schmerzfreien Tagen verhelfen. Doch Patienten brauchen mehr als neue Mittel, um gut versorgt zu sein. Was genau, das erklärt Schmerzmediziner Charly Gaul.

          3 Min.

          In den Vereinigten Staaten ist seit einigen Tagen ein Medikament zugelassen, das der Studienlage nach Migräne-Patienten erfolgreich helfen soll und zwar präventiv. Was unterscheidet dieses Medikament von bisherigen?

          Lucia Schmidt
          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          In den Vereinigten Staaten wurde der Monoklonale Antikörper Erenumab, der sich gegen den CGRP-Rezeptor richtet, zugelassen. An diesem Rezeptor dockt der Botenstoff CGRP an, dieses Protein wird vermehrt bei einer Migräneattacke freigesetzt und unter anderem für die Entstehung von Migräne verantwortlich gemacht. Der Vorteil dieses neuen Mittels liegt im Wesentlichen in einer deutlich besseren Verträglichkeit. 

          Die Patienten haben also weniger Nebenwirkungen. Welche ungewollten Wirkungen bringen bisherige Migränemittel mit sich?

          Die Nebenwirkungen der bereits etablierten Migräneprophylaktika sind substanzspezifisch, das heißt, sie weisen alle unterschiedliche Nebenwirkungen auf. Das liegt daran, das man nicht vergessen darf, dass diese Medikamente ursprünglich für andere Indikationen entwickelt wurden und diese scheinbaren Wirkungen und Nebenwirkungen auch gewünscht oder hilfreich sein können. So machen trizylische Antidepressiva etwa müde, besteht eine Schlafstörung, können sie den Migränepatienten aber auch aufgrund dieser Nebenwirkung eine große Hilfe sein. Betablocker werden primär zur Behandlung des Bluthochdrucks eingesetzt, hat ein Migränepatient auch Bluthochdruck, kann es sinnvoll sein, ihm Betablocker zu verschreiben. Eine junge Frau mit einem eher niedrigen Blutdruck kann hingegen empfindlich darauf reagieren.  Aber so oder so, Fakt ist, bisher brechen etwa ein Viertel der Patienten wegen Nebenwirkungen die Therapie ab.

          „Kopfschmerzpatienten sind unterversorgt“ sagt  Neurologe und Schmerzmediziner Charly Gaul.
          „Kopfschmerzpatienten sind unterversorgt“ sagt Neurologe und Schmerzmediziner Charly Gaul. : Bild: PZ_Alois Müller

          Das ist eine Menge, da kann ein neues Medikament doch vielleicht gute Abhilfe leisten?

          Ja, aber nicht nur durch ein neues Medikament. Durch eine geeignete Auswahl der Medikation unter Berücksichtigung von Lebensumständen und Begleiterkrankungen lässt sich die Versorgung sicher noch optimieren. Eine bessere Versorgung setzt aber auch  genügend Zeit zur Anamnese und Patientenschulung voraus, die fehlt in der Routineversorgung häufig. Wenn die von den Kopfschmerzgesellschaften vorgeschlagene leitliniengerechte Akutbehandlung und vorbeugende Behandlung der Migräne konsequent umgesetzt würde, sähe es in der Migräne Versorgung gar nicht so schlecht aus – viele Patienten erhalten jedoch aktuell gar keine Prophylaxe. Was das neue Medikament angeht, muss man aber an der Stelle ebenfalls sagen: Auch bei einem günstigen Nebenwirkungsspektrum sollten die Patienten darüber aufgeklärt werden, dass es sich um eine neue Medikation handelt, deren seltene oder langfristige Nebenwirkungen aktuell nicht bekannt sind. 

          Das neue Medikament wird nicht zur akuten Behandlung, sondern als Prophylaxe, also vorbeugend gegeben. Gibt es Migräne-Patienten, für die das neue Mittel besonders nützlich ist oder welche, denen es vermutlich keine Hilfe ist?

          Ein Teil der Migräne-Patienten spricht auf die zur Verfügung stehende Prophylaxe nicht an oder verträgt diese nicht, in solchen Fällen setzen Ärzte wie Patienten große Hoffnungen in die neuen Medikamente. Die Blockade des CGRP oder des CGRP Rezeptors ist das gemeinsame Prinzip aller vier monoklonaler Antikörper, von denen jetzt der erste auf den Markt kommt. Nicht bei allen Migränepatienten scheint allerdings das CGRP die Schlüsselrolle in der Migräneentstehung zu spielen, diese Patienten werden dann auch nicht profitieren von neuen Mitteln. Leider ist die Bestimmung von CGRP aus dem Blut sehr aufwändig und steht in der Routine nicht zur Verfügung, so dass man keine Voruntersuchung machen kann, um zu entscheiden, ob CGRP erhöht ist und ein Behandlungsversuch besonders vielversprechend ist.

           Was für Hoffnungen stecken Sie speziell als Fachmann in diese Zulassung?

          Zum einen freuen sich gerade Behandler, die viele schwer Betroffene betreuen, über jede neue Therapieoption. Zum anderen ist das Thema Kopfschmerz durch das neue Medikament gerade mal wieder in aller Munde, davon können die Patienten sehr profitieren, es könnte so gelingen, jetzt mehr Gehör für eine bessere Versorgung zu finden.

          Ist die Versorgung der Kopfschmerzpatienten hierzulande so schlecht?

          Kopfschmerzpatienten sind unterversorgt, die Spezialsprechstunden haben lange Wartezeiten und das Vergütungsgefüge bildet den Aufwand nicht ab, der notwendig ist, um erfolgreich behandeln zu können. Lebensstilberatung, Aufklärung über Ausdauersport und psychotherapeutische Ansätze eingebettet in ein Gesamtkonzept stellen den Schlüssel zur erfolgreichen Kopfschmerzbehandlung dar – nicht einfach ein neues Medikament.

          Wem das alles aber trotzdem nicht ausreichend hilft: Wann hoffen Sie, Patienten in Deutschland mit Erenumab behandeln zu können?

          Aktuell ist in Deutschland keiner der Antikörper zugelassen, die erste Zulassung wird für die zweite Jahreshälfte 2018 erwartet. Insofern ist ein Einsatz bislang nur in den klinischen Studien möglich.  

          Der Preis für das Medikament ist momentan noch sehr hoch. Wissen Sie, ob deutsche Krankenkassen die Kosten übernehmen werden?

          Bisher gibt es keine Informationen über den Preis, der in Deutschland verlangt werden wird. Ob die Kosten von den Krankenkassen sowohl für die episodische als auch für die schwer betroffene chronische Migräne übernommen werden oder nur für Subgruppen oder nur dann, wenn andere Medikamente bereits versucht wurden, ist völlig offen.

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