https://www.faz.net/-gum-9qnwi

Weibliche Genitalverstümmelung : Ein Schmerz, für den es keine Worte gibt

Qual und Erleichterung: Magoko und Ärztin im Film „In Search...“ Bild: Jule Katinka Cramer/ KHM

Eine Kenianerin hat einen Film über eine Tradition gedreht, deren Opfer sie selbst einst wurde: weibliche Genitalverstümmelung. Da war sie zehn. Gibt es jetzt eine Möglichkeit der Rekonstruktion?

          Dies ist eine Geschichte darüber, wie der Mut, zu reden, das Leben verändern kann. Es ist eine Geschichte darüber, ob man sich etwas zurückerobern kann, das ausgelöscht werden sollte. Und es ist eine Geschichte über das traditionelle Afrika, die Europa schon allein deshalb interessieren sollte, weil die Frau, die daraus einen Film gemacht hat, in einem Café in der Bonner Fußgängerzone sitzt.

          Julia Schaaf

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          „Geht das?“, fragt die rheinländische Kellnerin besorgt, weil das Stück Buttercremetorte noch beinahe unangetastet vor Beryl Magoko steht.

          „Geht“, sagt die zierliche Frau an einem Tisch in der hintersten Ecke. Ihr Deutsch wirkt scheu. Sie sticht die Gabel in das Kuchenstück: „Schmeckt gut.“

          Seit fünf Jahren lebt Beryl Magoko in Bonn. Die Mittdreißigerin aus Kenia mag Schnee und Kartoffelsuppe mit Würstchen, weiß um die regelmäßigen Verspätungen auf der Bahnstrecke nach Köln und sagt, sie fühle sich in Deutschland zu Hause. Heimweh kennt sie trotzdem. Denn auch das Dorf, aus dem sie kommt, nennt sie: Zuhause.

          In ihrem Film sind Lehmhütten zu sehen, magere Ziegen und der Brunnen, aus dem das Wasser in einem Plastikkanister nach oben gezogen wird, bevor die Frauen es in Bottichen auf dem Kopf ins Haus transportieren. Nichtsdestotrotz hat Magoko ein Diplom in Grafikdesign und gleich zwei Studienabschlüsse aus Uganda, Kommunikationswissenschaften und Film. Als sie anschließend beschloss, im Ausland weiter zu lernen, war gleich ihre erste Bewerbung ein Erfolg. Neuerdings ist sie Absolventin der Kunsthochschule für Medien Köln mit Schwerpunkt Regie. Ihre sechs Geschwister in Afrika sind Lehrer, Banker, Schreiner, Friseurin. „Auf dem Dorf aufzuwachsen heißt nicht, dass man keine Möglichkeiten hätte“, sagt sie und lächelt selbstbewusst. Ihr Kölner Abschlussfilm „In Search...“ hat auf kleineren und größeren Festivals schon viel Anerkennung bekommen. Jetzt ist er für einen der Nachwuchsfilmpreise „First Steps“ nominiert, die am 9. September in Berlin verliehen werden.

          „Cutting Season“ ist November bis Anfang Dezember

          Es ist einiges passiert in Afrika, seit Beryl Magoko 1994 im Alter von zehn Jahren das widerfuhr, wovon sie sagt, dass sie es ihr Lebtag nicht vergessen werde. Heute, erzählt sie, würden viele Regierungen und Kirchen offen vor FGM warnen, vor der traditionellen Beschneidung von Frauen, die inzwischen international als weibliche Genitalverstümmelung bezeichnet wird („female genital mutilation“), weil sie eine teilweise Entfernung der weiblichen Genitalien – der Klitoris, je nach Typ der Beschneidung auch der inneren Schamlippen – bedeutet. Aufklärungskampagnen informieren über Risiken und Folgen. In der „Cutting Season“, der Zeit der Beschneidungen, die in ihrer Heimat von November bis Anfang Dezember stattfindet, richten Nichtregierungsorganisationen Lager ein, in denen betroffene Mädchen Zuflucht suchen können.

          Weitere Themen

          Das Ende der Metapher

          Amanda Palmers Tour : Das Ende der Metapher

          Amanda Palmer, einst Sängerin der Dresden Dolls, tourt mit einem therapeutischen Sitzkonzert. Es geht um tote Babys und um Mitgefühl. Und alles hat mit Trump zu tun.

          Topmeldungen

          Länger leben : Kerle, macht’s wie die Frauen

          Von der Gleichstellung der Geschlechter profitieren auch Männer – sie sind gesünder und leben länger. Die regionalen Unterschiede, die in einer Studie sichtbar werden, überraschen.
          Viele Fragen an den Präsidenten in der Whistleblower-Affäre: Donald Trump beantwortet Reporterfragen vor dem Weißen Haus.

          Telefonat mit Selenskyj : Trumps Erpressung

          Für Donald Trump ist das Telefonat mit dem ukrainischen Präsidenten nicht verwerflich. Er sieht nichts Schlimmes darin, seine Macht zu nutzen, um politischen Konkurrenten wie Joe Biden zu schaden. Dabei beginnt der Skandal schon an anderer Stelle.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.