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Elisabeth Pott im Gespräch : „Abschreckende Bilder auf Zigarettenschachteln reichen nicht“

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Aufklärungsinstitution: Elisabeth Pott, geboren 1949 in Bochum, ist seit 1985 Direktorin der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung. Zu den Schwerpunkten ihrer Arbeit gehören auch die Aids- und Sucht-Prävention. Ende Januar geht die Medizinerin, die in Bonn und Kiel studierte, in den Ruhestand. Seit 1. Januar ist sie neue Vorstandvorsitzende der Deutschen Aids-Stiftung. Bild: Foto BZgA

Drei Jahrzehnte leitete Elisabeth Pott die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung. Nun hört sie auf. Was sich verändert hat und welche Präventionsmaßnahmen wirken.

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          Frau Professor Pott, in einem Satz: Was ist Prävention?

          Prävention ist die Verhütung von Krankheit.

          Und was ist gute Prävention?

          Gute Prävention ist Prävention, die sich nicht auf eine kurzfristige Einzelmaßnahme und nicht auf einen Risikofaktor begrenzt, sondern den Menschen in allen seinen Facetten sieht. Es gibt viele Faktoren, die dazu führen können, dass jemand krank wird.

          Ist Provokation ein gutes Mittel für Prävention?

          Provokation kann hilfreich sein, wenn mit ihr ein Tabu abgebaut wird, das daran hindert, Dinge klar auszusprechen. Aufklärung ist aber eine komplexe Aufgabe. Mit Werbung nach dem Motto, kaufen sie dieses Waschpulver, hat Prävention nicht viel gemein, auch wenn das Instrumentarium – Kinospots, Werbeflächen, Zeitungsanzeigen – das gleiche ist. Prävention muss für Aufmerksamkeit sorgen. Die Maßnahmen müssen in der Zielgruppe ankommen und auf Akzeptanz stoßen. Die Botschaft muss verstanden werden und in Erinnerung bleiben. Und sie muss so überzeugend sein, dass die Menschen bereit sind, nach ihr zu handeln.

          Bestimmte Verhaltensweisen des Menschen galten früher nicht unbedingt als Krankheit, sind heute aber Teil Ihrer Präventionsarbeit. Wie haben Sie diesen Wandel erlebt?

          Der Wandel setzte schon vor meiner Amtszeit ein. Noch in den siebziger Jahren wurden bestimmte Probleme, ich denke da zum Beispiel an Alkohol oder andere Süchte, nicht als Krankheiten gesehen. Süchtige galten eher als willensschwach. Das hat sich geändert. Einen Paradigmenwechsel habe ich aber vor allem in der Prävention erlebt: Man kam vom ausschließlichen Risikofaktordenken ab und wandte sich mehr der Stärkung und Beteiligung Betroffener zu, Empowerment, wie es Neudeutsch so schön heißt.

          Prävention war früher der erhobene Zeigefinger.

          Ja. Vielleicht erinnern Sie sich noch an die Abschreckungsstrategien in den Siebzigern, an Plakate mit Knochenhänden, die ein letztes Glas Whiskey in der Hand hielten oder eine letzte Zigarette im Aschenbecher ausdrückten. Damals dachte man, es ließe sich etwas bewirken, wenn man den Menschen vor Augen führt, was Rauchen oder Alkohol für negative Folgen für die Gesundheit haben kann. Doch das hat sich als nicht erfolgreich herausgestellt. Die Ottawa-Charta zur Gesundheitsförderung aus dem Jahr 1986 stellt den Menschen in den Mittelpunkt, sein soziales Umfeld. Man darf bei einem Raucher nicht nur auf das Rauchen schauen. Man muss sich auch fragen, warum raucht zum Beispiel ein Jugendlicher? Will er zu einer bestimmten Gruppe gehören, will er erwachsen wirken? Wir nennen das die Kontextfaktoren berücksichtigen.

          Von abschreckenden Bildern auf Zigarettenpackungen halten Sie also nichts?

          Auch wenn solche Darstellungen eindrucksvoll sein können, so wissen wir doch, dass Abschreckung alleine nichts bringt. Ein Jugendlicher, der als einziger in seiner Clique nicht raucht und darum als Schwächling oder Außenseiter wahrgenommen wird, lässt sich von einem abschreckenden Bild auf einer Zigarettenpackung nicht vom Rauchen abhalten. Wir wollen Kinder und Jugendliche stark machen, das heißt ihnen helfen, sich zu starken Persönlichkeiten zu entwickeln. Damit sie auch dem Gruppendruck standhalten können und nicht zu Suchtmitteln greifen, um dazu zu gehören, sondern befähigt werden, nein zu sagen.

          Darf auch die oberste Präventionsbeauftragte in der Öffentlichkeit Alkohol trinken?

          Ein Glas Wein durchaus. Sie kennen vielleicht den Slogan unserer Jugendkampagne: „Alkohol? Kenn dein Limit“. Uns geht es nicht darum zu sagen, die Bevölkerung muss abstinent leben. Wir sagen, riskanter Alkoholkonsum, der die Gesundheit gefährdet, muss vermieden werden. Nicht totaler Verzicht ist das Ziel von Prävention, sondern Lebensfreude und Lebensgenuss.

          Das meiste Geld gibt die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) für Aids-Prävention aus. Ist Alkohol- oder Spielsucht oder auch die Fettleibigkeit bei Jugendlichen nicht inzwischen ein viel größeres Problem?

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