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Sars : Angriff der Gen-Krieger

  • -Aktualisiert am

War's der Larvenroller oder der Amerikaner? Bild: AP

Amerika als Buhmann: In China wächst die Akzeptanz für eine neue Theorie zur Entstehung der tödlichen Lungenkrankheit Sars. Wo die Wissenschaft versagt, erobern Amateurdetektive und Krimiautoren das Schlachtfeld.

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          In einer Hinsicht ähnelt Sars, die tödliche Lungenkrankheit, Bin Ladins terroristischer Al Qaida: Wir wissen zwar, daß sie zuschlagen wird, aber nicht, wann und wo genau sie dies tun wird. Jetzt ist es wieder soweit. Eine zweite Schwierigkeit bei Sars ist, daß wir, anders als bei Al Qaida, bis heute immer noch nicht wissen, woher das als Verursacher identifizierte Coronavirus stammt.

          Der nächstliegenden Vermutung zufolge kommt es aus dem Tierreich - bekanntlich ist die Küche der südchinesischen Provinz Guangdong, wo Anfang 2003 die Lungenseuche ausbrach, berühmt für ihre exotischen Exzesse. Ein kulinarischer Spruch aus Guangdong lautet: "Alles, was kriechen und fliegen kann, wird verspeist." Allerdings haben im Laufe der Zeit derart viele Tierarten zu der einzigartigen Küche der Provinz beigetragen, daß selbst die schlausten Wissenschaftler noch nicht entschlüsseln konnten, von welchem Tier genau das Coronavirus auf den Menschen übergesprungen ist. Derzeit ist angeblich die Zibetkatze der Favorit - sehr zu ihrem Schaden. Allerdings handelt es sich in Wahrheit um den Larvenroller, von der Zibetkatze sprechen die Deutschen nur dank eines Übersetzungsfehlers.

          Versagen der Wissenschaft

          Aber auch die Schleichkatzentheorie ändert nichts daran, daß die Wissenschaft bislang versagt hat. Deshalb erobern mittlerweile Amateurdetektive und Krimiautoren das Schlachtfeld. Die zur Zeit spannendste Theorie stammt von einem Mann namens Tong Zeng, der ganz im Geist des internationalen Terrorismus die Behauptung eines imperialistischen antichinesischen Terroranschlags mit Gen-Waffen aufgestellt hat. Vor zwei Monaten erschien Tongs Buch "Die letzte Verteidigungslinie - Sorgenvolles Nachdenken über den Verlust der chinesischen Gene" (Verlag für Sozialwissenschaften, bereits 20 000 Exemplare Auflage).

          Für seine Theorie bringt der Autor alle nötigen Qualifikationen mit: So hat er zwar zuerst Wirtschaft studiert, wurde aber anschließend wie die meisten aktuellen internationalen Bestseller-Autoren in Jura promoviert, in internationalem Recht an der renommierten Pekinger Universität. Einen Namen machte sich der Siebenundvierzigjährige als Zivilkläger im Prozeß gegen japanische Kriegsverbrechen. Heute zählt er zu den bekanntesten Patrioten, die aus der Bewegung der chinesischen Nichtregierungsorganisationen der neunziger Jahre hervorgegangen sind.

          Fragen im stillen Kämmerlein

          Während der Sars-Zeit im letzten April las Tong in unfreiwilliger Isolation allein zu Hause Zeitung für Zeitung. Nach einiger Zeit kam, was kommen muß, wenn ein kluger Kopf zu lange in einem engen Zimmer eingesperrt wird: Er begann Fragen zu stellen: "Warum starben nur Chinesen, aber kein einziger Inder und Araber in unseren Nachbarstaaten?" Er schaute auch nach Rußland, nach Japan, nach Amerika. Andere Tote als Chinesen? Überall Fehlanzeige. Da schlug Tongs Kopf Alarm. Am 11. April stellte zudem in Moskau das Duma-Mitglied Sergei Kolesnikov, ein führender Mediziner seines Landes, die gewagte These auf, daß Sars eine Biowaffe sein könne, die versehentlich aus einem chinesischen Militärlabor nach außen gelangt sei. Denn seiner Ansicht nach sei das Virus eine Hybride, deren Erzeugung nur unter Laborbedingungen gelingen könne. Diese russische Spekulation wurde zwei Tage später zur Schlagzeile der Hongkonger Zeitung "Ta Kong Pao" - allerdings verkürzt um das angeblich unzuverlässige chinesische Militärlabor.

          Als diese Schlagzeile Tong erreichte, diente sie ihm als letztes Mosaiksteinchen. Er analysierte die prekäre Sicherheitslage Chinas und stellte fest, daß sein Vaterland, abgesehen von nur zwei Bruderstaaten, Nordkorea und Pakistan nämlich, von mehr oder weniger feindseligen Nachbarn umzingelt ist. Dann untersuchte er mögliche Motive und folgerte schließlich: Das Sars-Virus müsse eine Koproduktion der abtrünnigen Provinz Taiwan und der Vereinigten Staaten sein.

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