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Russland : Jung, berauscht, aidskrank

Im Gefängnis von Sablino: Vor allem junge drogenabhängige Frauen wie Marina (vorne) bekommen Aids Bild: Oliver O'Hanlon/Global Fund

In kaum einem anderen Land breitet sich Aids so schnell aus wie in Russland. Alkohol und Ignoranz führen in einen Teufelskreis. Längst sind nicht mehr allein Rauschgiftsüchtige betroffen.

          Marina ist eine durchaus sympathische Lügnerin. 36 Jahre alt sei sie und schon seit zwei Jahren im Gefängnis von Sablino. „Vier weitere muss ich noch absitzen“, sagt sie. Früher sei sie mal rauschgiftsüchtig gewesen. Und weil sie Rauschgift mit gebrauchten Nadeln injiziert habe, sei sie seit gut fünf Jahren HIV-positiv. Sie habe ein Kind, eine gesunde sechs Jahre alte Tochter, die sie aber leider nicht allzu oft zu Gesicht bekomme.

          Peter-Philipp Schmitt

          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Dass Marina ein zweites Kind wegen ihrer Rauschgiftsucht, von der sie noch immer nicht ganz losgekommen zu sein scheint, noch während der Schwangerschaft verloren hat, verschweigt sie. Und dass sie, wie die Gefängnisleitung später mitteilt, bis zum Jahr 2025 einsitzen muss, darüber redet sie schon gar nicht. Mehr als zwanzig Jahre in einem russischen Frauengefängnis - die mehrfach vorbestrafte Marina hat wohl nicht nur ein Kavaliersdelikt begangen.

          Im Flur warten die eigens ausgewählten Frauen

          Gut 40 Kilometer südlich von St. Petersburg liegt der kleine Ort Sablino. Der große Frauenknast mit seinen mehr als 1000 Insassen etwas außerhalb des Dorfes heißt ebenfalls Sablino. Das Gefängnis mit seinen vierstöckigen Backsteingebäuden ist für Besucher tabu, nur die Krankenabteilung - gleich rechts hinter der Eingangspforte etwa 50 Meter einen asphaltierten Weg entlang - darf ausnahmsweise besichtigt werden. Schon im Flur warten die eigens ausgewählten Frauen, unter ihnen Marina und auch Anna, in ihren grünen oder blauen Arbeitsanzügen - einige der Gefangenen müssen tagsüber nähen, andere stellen künstliche Blumen her. Für die meisten hier war es Glück, dass sie ins Gefängnis kamen.

          Zu wenig Geld, zu wenig Personal: In einer Aidsklinik in Sankt Petersburg

          Marina fühlte sich schon in den Wochen und Monaten vor ihrer Verurteilung schrecklich. Sie hatte hohes Fieber, ihre Lymphknoten waren geschwollen, sie litt unter Durchfall, war stark abgemagert. Warum? „Ich hatte keine Ahnung“, sagt Marina, die seit 1989, seit ihrem 18. Lebensjahr, Rauschgifte nimmt. Auch die 27 Jahre alte Anna litt unter einer ihr mysteriösen Krankheit und war sich, als sie vor gut einem Jahr wegen eines Rauschgiftdelikts ins Gefängnis Sablino kam, sicher, dass sie nur noch wenige Wochen zu leben habe. „Ich wurde gleich in die Krankenabteilung verlegt“, erzählt die Mutter einer elf Jahre alten Tochter. Dort fanden die Ärzte noch zehn T-Lymphozyten in ihrem Blut, normal sind mindestens 500 und mehr dieser für die Immunabwehr des Körpers wichtigen Zellen. Sinkt ihre Zahl unter 200 pro Mikroliter Blut, sprechen Mediziner vom „Vollbild Aids“. Anna weist mittlerweile wieder - nach einer mehrmonatigen Behandlung mit antiretroviralen Medikamenten - 125 T-Zellen auf. Wie sie sich infizierte? „Mein Mann und ich spritzten uns Drogen mit derselben Nadel. Das wird es wohl gewesen sein“, sagt Anna. Dass der gleichaltrige Ehemann 2002 bereits HIV-positiv war, ahnten beide damals nicht.

          „Wir sind doch kein Sanatorium“

          Im Gefängnis Sablino wurden in den vergangenen sechs Jahren 700 Frauen behandelt. Nach ihrer Entlassung werden die erkrankten Frauen an die für sie zuständigen Aidszentren vermittelt, doch ein Teil der Patientinnen meldet sich dort nicht, andere verweigern sich grundsätzlich einer Behandlung. Die Medikation der Therapieverweigerer ist schwierig: Wenn ein Aidskranker seine Medikamente nicht einnimmt, können sich Resistenzen gegen die Arzneimittel bilden. Doch die Therapie gilt im Gefängnis ohnehin nicht viel. „Wir sind doch kein Sanatorium“, sagt eine der Wärterinnen auf dem Weg nach draußen. Am Ausgang steht der Satz: „Vergebung musst du dir verdienen!“

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