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Roboter für Patienten : Stellvertreter in schwieriger Zeit

In der Schule dran bleiben, mit den Mitschülern reden - Roboter Avatar hilft dabei. Bild: noisolation.

Schwerkranke Patienten müssen oft wochenlang in Isolation ausharren. Zusätzlich zu ihrem ohnehin schon großen Leid werden viele depressiv – für Kinder ist das besonders schlimm. Kann ein Roboter hier helfen?

          Eine Tüte von innen, das war oft das Einzige, was Luisa während ihrer halben Stunde täglicher Normalität sehen konnte. Die Zehntklässlerin lag krank zu Hause, an ihrer Stelle ging ein Roboter zur Schule, sozusagen Luisas Augen und Ohren. Sobald es zur Pause klingelte vor Klassenraum C0.04 des Berliner Schiller-Gymnasiums, steckten die Freundinnen von Luisa den Roboter manchmal in eine Tüte. Wenn Luisa jetzt etwas sagte und der Roboter ihre Worte übertrug, erschreckten sich die anderen vor der sprechenden Tüte. Ein famoser Spaß, „alleine zu Hause oder im Krankenhaus hatte ich vor der Roboter-Zeit natürlich nicht mit mir selbst gelacht“, sagt Luisa.

          Denise Peikert

          Freie Autorin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Luisa erinnert sich noch genau an den Tag, an dem sie ins Krankenhaus kam. Es war der 14. November 2017, ein Dienstag, an dem eine Lateinarbeit geschrieben werden sollte, für die sie gelernt hatte – was jetzt umsonst war. Aber das war schnell Luisas kleinstes Problem. Die Ärzte diagnostizierten bei der Jugendlichen einen Lymphdrüsenkrebs. Das bedeutete nicht nur eine lange, anstrengende Therapie im Krankenhaus, sondern auch: monatelanges Alleinsein. Selbst als Luisa wieder zu Hause war, die Eltern arbeiten waren und der Bruder in der Schule, durften ihre Freunde sie nur selten und auch nur dann besuchen, wenn sie vorher keinen Kontakt zu Menschen mit einem Schnupfen hatten, was meistens nicht sichergestellt werden konnte. „Das hat mich extrem belastet“, sagt Luisa. „Wir sind seit der dritten Klasse zusammen und waren es gewöhnt, uns jeden Tag zu sehen“, sagt ihre Freundin Liorah.

          Psychisch krank durch Isolation

          Bei hochansteckenden Krankheiten und Krebserkrankungen, besonders solchen, die nicht auf einen lokalen Tumor beschränkt sind, müssen Menschen oft wochenlang isoliert werden. Studien zufolge leiden sie stärker an Einsamkeit, Angst und Depressionen als Menschen, die im Krankenhaus nicht isoliert werden müssen. Und je länger die Isolation dauert, desto wahrscheinlicher ist es Untersuchungen zufolge, dass die Betroffenen psychisch krank werden. Zwar ist die Frage ungeklärt, ob diese Situation auch den Heilungsverlauf der eigentlichen Krankheit verlangsamt. Aber weil es nie gut sein kann, wenn zu einer lebensbedrohlichen Erkrankung noch schwere psychische Krisen hinzukommen, überlegen Psychologen in den Unikliniken permanent: Was können wir dagegen tun?

          Auf der Transplantationsstation im Uniklinikum in Leipzig glauben sie, dass ein Stück Plastik helfen kann, ein bisschen wenigstens. Hier werden Patienten mit Lymphomen und Leukämien behandelt, die eine Stammzelltransplantation benötigen. Um Infektionen zu vermeiden, müssen sie mindestens drei Wochen isoliert werden. Das bedeutet: eingeschlossen in einem Zimmer, das statt einer Tür eine durchsichtige Plastikfolie hat, und angeschlossen an Medikamente über einen Venenkatheter, die Leitung dazwischen zehn Meter lang. Kontakt zu Ärzten haben die Patienten meist nur über zwei in die Plastikfolie eingelassene Handschuhe, Schwestern dürfen erst nach aufwendiger Desinfektion und in Astronauten-Outfit ins Zimmer, Besucher gar nicht. Weil Komplikationen nicht selten sind, kommen statt der drei Wochen oft auch 60 Tage Isolation zusammen. Der Patient, der zuletzt am längsten da war, musste mehr als 200 Tage allein bleiben.

          Glasscheiben statt Plastikfolie?

          Annett Röthel arbeitet seit gut 20 Jahren als Krankenschwester auf der Station, und als neulich die Kollegen von der Neonatologie den Plan hatten, statt der Plastikfolie Glasscheiben vor ihre eigenen Isolationszimmer zu machen, riet sie ab. „Durch die Plastikfolie können Besucher wenigstens noch mit dem Patienten reden“, sagt Röthel. Und wenn der Patient auf der einen und der Besucher auf der anderen Seite je eine Hand auf die Folie legt, dann entsteht irgendwann sogar Wärme.

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