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RKI-Chef Lothar Wieler : „Wir müssen wachsam sein“

Seuchenschutz in einem Theater in Seoul Bild: AFP

Der Präsident des Robert Koch-Instituts spricht im Interview über Mers und zukünftige Seuchen. Warum sind Infektionskrankheiten dem Menschen immer einen Schritt voraus?

          Herr Prof. Wieler, Korea gilt als sehr moderner Staat, ausgestattet mit einer Hightech-Medizin. Warum kommt es in einem solchen Land zu dem größten Mers-Ausbruch, den wir bisher erlebt haben?

          Lucia Schmidt

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Der Ursprung des Ausbruchs ist eigentlich so, wie wir ihn schon häufiger erlebt haben. Ein Mensch reist auf die Arabische Halbinsel, steckt sich dort an und bringt den Erreger mit in sein Heimatland. In Südkorea kommen aber zwei Besonderheiten hinzu. Dort betreiben die Menschen häufig ein sogenanntes „doctor shopping“. Das heißt, Kranke gehen in verschiedene Kliniken, lassen sich untersuchen und entscheiden erst danach, in welcher sie sich behandeln lassen. Das hat auch der erste Mers-Patient dort getan. Sie können sich vorstellen, dass sich dadurch das Übertragungsrisiko erhöht. Eine zweite Besonderheit in Südkorea ist, dass Angehörige die Patienten in den Kliniken pflegen. Das führt dazu, dass die Zahl der Kontaktpersonen sehr hoch ist. Man geht davon aus, dass diese beiden koreanischen Traditionen begründen, warum sich die Erkrankung gerade dort so ausgebreitet hat.

          Gelten diese Erklärungen auch für Sars, eine Epidemie, die Südkorea 2003 ebenfalls stark getroffen hat?

          Die Sars-Epidemie hatte einen anderen Ursprung. Sie ist nach unserem heutigen Wissen dadurch hervorgerufen worden, dass das Virus einer bestimmten Schleichkatzenart über die Nahrungskette auf den Menschen übergegangen ist. Das Sars-Virus überträgt sich außerdem leichter von Mensch zu Mensch als das Mers-Virus, das ist ein entscheidender Unterschied.

          Bei Sars sind es die Schleichkatzen, bei Mers gelten Kamele als Überträger, bei Ebola werden Fledermäuse als Auslöser der Epidemie genannt - welche Infektionsgefahr geht von Tieren aus?

          Wir finden immer wieder neue Erreger in bestimmten Tierpopulationen. Das wird auch in Zukunft so sein. Da der Mensch immer mehr in Gebiete vordringt, in denen er vorher nicht war, steigt die Gefahr der Ansteckung. Von Fledermäusen weiß man, dass sie eine Vielzahl von Erregern übertragen können. Aber es ist ein Leichtes, sich so zu verhalten, dass man mit ihnen nicht in Kontakt kommt. Beim Mers-Virus wird übrigens auch spekuliert, dass es ursprünglich aus Fledermäusen stammt. Aber das ist bislang eine Hypothese.

          Warum tragen ausgerechnet Fledermäuse so viele Erreger mit sich?

          Fledermäuse sind sehr artenreich. Je diverser eine Gruppe von Tieren ist, desto vielfältiger sind auch die Viren, Bakterien und Parasiten, die mit den Tieren assoziiert sind. Dazu sind Fledermäuse weltweit verbreitet, leben in verschiedenen Habitaten. Und als Säugetier stehen sie dem Mensch vergleichsweise nahe.

          Infektionskrankheiten waren schon immer eine Gefahr für Menschen, viele hat man durch Impfungen und Verhaltensweisen in den Griff bekommen. Trotzdem hat man das Gefühl, sie sind uns immer einen Schritt voraus.

          Natürlich sind uns solche Erreger immer einen Schritt voraus, sie vermehren sich viel schneller. Aber wir Menschen werden auch immer erfahrener, die Forschung geht neue Wege, und die Welt arbeitet gut zusammen. Damit wird unsere Reaktionszeit immer schneller, und die Erreger sind uns nicht mehr so viel voraus. Aber wir müssen stets wachsam sein.

          In Deutschland hat man den Eindruck, dass wir in den vergangenen Jahren von solchen Epidemien verschont geblieben sind. Ist das Glück, oder hat dies andere Gründe?

          Es ist ein Mix aus vielen Dingen. Wir haben in Deutschland unbestritten ein exzellentes Gesundheitssystem. Wir haben hier in den vergangenen Jahren das Bewusstsein für Infektionskrankheiten in der Bevölkerung und bei Ärzten geschärft. Wir konnten durch gute Forschung unser Wissen und unsere Qualität steigern. Das hat dazu geführt, dass wir Infektionskrankheiten in der Regel schnell erkennen und gut behandeln können. Bisher traten hier drei Mers-Fälle auf, die aber nie zu weiteren Ansteckungen geführt haben. Ein bisschen Glück gehört aber sicher auch dazu.

          Wie sieht die Gefahr aus, wenn man in betroffene Länder reist?

          Es gibt sehr konkrete Reisehinweise des Auswärtigen Amtes. An diese klaren Handlungsweisen sollte man sich halten.

          Wieso verlaufen Infektionskrankheiten immer in Kurven?

          Jede Infektionskrankheit hat ein eigenes Übertragungsrisiko. Am Anfang breitet sich der Erreger schneller aus, weil keine Immunität besteht. Irgendwann schwächt sich der Ausbruch ab, weil viele Menschen infiziert sind, und die Population, die neu infiziert werden kann, nimmt ab. Aber die Kurve wird natürlich umso schneller absinken, je effizienter die Maßnahmen sind, die man ergreift. Die wichtigsten Maßnahmen sind richtige Hygiene, wirksame Therapien und Impfungen. All das verringert das Potential eines Erregers, weitere Menschen anzustecken. Nach dem, was wir heute wissen, ist die Übertragungsrate von Mers gering. Damit hat Mers keine so große Ausbreitungstendenz wie das Sars-Virus beispielsweise.

          Was ist Ihre Prognose für Korea?

          Die Fälle in Korea sind wichtig, um für die Zukunft lernen zu können. Südkorea stellt sehr transparent viele Daten zur Verfügung und bekämpft den Ausbruch intensiv. Wir gehen davon aus, dass der Ausbruch dort in wenigen Wochen getilgt sein wird.

          Und was ist - weltweit gesehen - die Prognose für weitere Epidemien durch unterschiedliche Erreger?

          Wir müssen ständig damit rechnen, dass es neue Viren oder Bakterien gibt, deshalb dürfen wir in Forschung und Aufklärung nicht nachlassen. Prognosen sind schwierig. Jedes zusätzliche Wissen verbessert die Aussagekraft von Prognosen. Wir wissen, dass ein Risiko vorhanden ist, und wir müssen beim Eintritt eines Ereignisses schnell reagieren. Wir müssen wachsam sein und weiterhin Systeme aufbauen, die weltweit Ausbrüche früh erkennen, um Risiken besser einschätzen zu können.

          Sie sprachen von Viren oder Bakterien. Welche Gruppe ist bedrohlicher für uns?

          Derzeit sind rund 1500 verschiedene Infektionserreger des Menschen bekannt, sie haben alle spezifische Eigenschaften. Insgesamt haben respiratorische Viren ein großes Ausbreitungspotential.

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