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Risiko Brustimplantate : Deutsche Behörden warnen vor Panik

Brustimplantante der Firma Poly Implant Prothese (PIP) Bild: dapd

Nachdem das französische Gesundheitsministerium 30.000 Frauen aufgefordert hat, ihre Brustimplantate vorsorglich entfernen zu lassen, weil diese reißen könnten, mahnen deutsche Behörden zur Besonnenheit.

          Die französische Regierung empfiehlt 30.000 Frauen die vorsorgliche Entfernung von Brustimplantaten, auch wenn die Gefahr eines erhöhten Krebsrisikos nicht nachgewiesen ist. Das Gesundheitsministerium in Paris nannte die Operations-Empfehlung, die Produkte des nicht mehr existierenden Unternehmens Poly Implant Prothèse (PIP) betrifft, am Freitag "rein vorsorglich und ohne Dringlichkeit".

          Andreas Mihm

          Wirtschaftskorrespondent in Berlin.

          Deutsche Behörden wollen dem Appell nicht folgen. Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) riet besorgten Patientinnen zur Konsultation des behandelnden Arztes, nicht aber pauschal zur Entfernung der Implantate. Man müsse individuell das Risiko abwägen, sagte Sprecher Maik Pommer. Die Operation zur Entfernung des Implantats könne für Frauen ein höheres Risiko darstellen als ein bei den umstrittenen Implantaten drohender Riss. Es sei aber wiederum nicht auszuschließen, dass im Einzelfall die Entfernung zu empfehlen sei.

          Nur wenige Patientinnen in Deutschland

          Ähnlich lautet die Empfehlung der Deutschen Gesellschaft für Ästhetisch-Plastische Chirurgie (DGÄPC). Zunächst sollten Frauen in ihrem Implantat-Pass nachschauen, ob die verwendete Prothese von dem französischen Hersteller PIP stamme. In dem Pass müssten Hersteller und Chargenummer registriert sein. Falls das zutreffe, sollte der Operateur oder ein Facharzt zur Kontrolle und Beratung aufgesucht werden. Vermutlich seien in Deutschland nur wenige Patientinnen davon betroffen, weil hier meist Produkte anderer Hersteller verwendet wurden. Der Präsident der Fachgesellschaft, Sven von Saldern, schätzt die Zahl der PIP-Implantate auf einige hundert. Genaue Zahlen über Implantate liegen nicht vor.

          Die DGÄPC schätzt die Zahl der Eingriffe auf rund 60 000 im Jahr. Die allermeisten Eingriffe fallen in die Kategorie "Schönheitsoperationen". Das ergibt sich aus der Zahl Operationen, die die gesetzlichen Krankenkassen aus medizinischen Gründen bezahlt haben. Laut ihrem Spitzenverband waren das im vergangenen Jahr 1885 Implantate. In den Fällen zahlen die Kassen auch für eine medizinisch begründete Entfernung. In allen anderen Fällen zahlen sie die Untersuchung und - so medizinisch geboten - auch für die Entfernung des Implantats. Allerdings können die Kassen einen "angemessenen Kostenbeitrag" von den Patientinnen verlangen.

          Die PIP-Silikoneinlagen waren bereits im vergangenen Jahr auffällig geworden, unter anderem weil sie zur Bildung von Rissen im Silikonkissen neigten. Grund ist offensichtlich, dass der Hersteller aus Finanzgründen eine anderes als das angegebene und zugelassene Gel verwendete. Der TÜV Rheinland, der das Produkt für Europa zertifiziert hatte, hat deswegen in Marseille Strafanzeige gegen PIP erstattet. Man sei von der Firma "nachweislich umfassend und fortgesetzt getäuscht worden", weil sie Änderungen an der Silikonart nicht mitgeteilt habe. Das Zertifikat hatte der TÜV nach Bekanntwerden der Fehler im März 2010 ausgesetzt.

          Krebsgefahr nicht bewiesen

          In Deutschland sind die PIP-Produkte nach Angaben des Bundesgesundheitsministeriums seit April 2010 verboten. Ärzte wurden zu Berichten über die Verwendung der Implantate aufgefordert. Auch die Öffentlichkeit wurde informiert. Bei betroffenen Patientinnen, die regelmäßig zu Kontrolluntersuchungen gingen, sollte der Arzt das Risiko deshalb in der Regel abgeschätzt haben, hieß es bei der Fachgesellschaft. Das BfArM weiß in 19 Fällen von Rissen in diesen Implantaten. Es sei anzunehmen, dass sie in Deutschland hier mit einer ähnlichen Rate aufträten wie in Frankreich. Dort gilt eines von 30 Implantaten als schadhaft.

          Einen Beweis, dass die defekten Silikoneinlagen krebserregend seien, gebe es nicht. Dieser Verdacht hatte die Debatte zuletzt befeuert, nachdem in Frankreich acht Fälle von Tumorerkrankungen bei Frauen bekannt geworden waren, deren Implantate gerissen waren und sich im Körper verbreitet hatten. Der französischen Justiz liegen angeblich mehr als 2000 Beschwerden von Frauen vor. In Frankreich tragen etwa 30.000 Frauen PIP-Silikoneinlagen. In Großbritannien soll die Zahl der betroffenen Frauen bei 40.000 bis 50.000 Frauen liegen. Eine Sprecherin der britischen Kontrollbehörde für Medizinprodukte hatte hervorgehoben, dass man keinen Grund sehe, zum Entfernen der Implantate aufzurufen.

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