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Rentner in Weimar : Sie kommen aus dem Westen, sind aber nicht so

Einen Senioren-Paar betrachtet das Standbild von Goethe und Schiller in Weimar Bild: Hagmann, Roger

Gehobenes Wohnen mit Pool, ruhiges Flair - und Goethes Geist an jeder Ecke: Senioren von drüben haben Weimar als Altersruhesitz entdeckt und engagieren sich in der Stadt.

          Gerd Joachim Dörrscheidt genießt das Rentnerdasein. Am Morgen war er wie jeden Tag schwimmen, hat dann mit seiner Frau gefrühstückt, war kurz einkaufen und sitzt nun in seinem Wohnzimmer vor großen Bücherregalen und Pflanzen an einem runden Tisch zur Lesestunde, vor sich F.A.Z., „Süddeutsche Zeitung“ und die „Thüringer Landeszeitung“. Draußen plätschert der Mühlbach, ein Nebenarm der Ilm; Vögel zwitschern, die Tür zur Terrasse aber ist verschlossen. Der Herbst und mit ihm die Kälte kam in diesem Jahr doch früher als gedacht.

          Stefan Locke

          Korrespondent für Sachsen und Thüringen mit Sitz in Dresden.

          „Wir fühlen uns hier rundum wohl“, sagt der 71 Jahre alte promovierte Nachrichtentechniker. Seit sechs Jahren wohnen die Dörrscheidts in einer umgebauten Fachwerk-Mühle in Tiefurt, einem Ortsteil von Weimar. Hier, nur zwei Kilometer von der Innenstadt entfernt, befand sich einst das Kammergut und die Sommerresidenz der Herzogin Anna Amalia. Vor gut 200 Jahren waren Schloss und Park eins der Zentren des Weimarer Dichterkreises; Herder, Wieland, Schiller und natürlich Goethe waren oft und gerngesehene Gäste.

          Ehemaliges Kammergut als Seniorenwohnanlage

          „Ich bin kein Goethe-Fanatiker“, sagt Dörrscheidt, der im Sommer 1999 erstmals nach Weimar kam. Eher zufällig geriet er in die Feierlichkeiten zum 250. Geburtstag des Dichterfürsten. „Die Sonne schien, und es war einfach schön.“ Dann fuhr er zurück nach Bochum in die gemeinsame Eigentumswohnung, wo er seiner Frau Marianne von Thüringen im Allgemeinen und Weimar im Besonderen vorschwärmte. Ein Umzug stand damals überhaupt nicht zur Debatte, aber der positive Eindruck blieb. Als ihm seine Cousine zwei Jahre später berichtete, sie wolle aus dem Rhein-Main-Gebiet nach Weimar ziehen, begann auch Dörrscheidt, darüber nachzudenken. „Die Bremsen waren bei mir ohnehin gelockert“, sagt er. Während viele seiner Bekannten weiter in Frankreich und Mallorca urlaubten, war er seit 1990 regelmäßig in die neuen Länder gereist. „Ich hatte dadurch nie so merkwürdige Vorstellungen vom Osten, wie sie offenbar bei vielen im Westen existieren.“

          Gerd Joachim Dörrscheid, 71, ist Elektrotechnik-Professor und lebt mit seiner pflegebedürftigen Frau in der Mühle Tiefurt

          Dennoch kostete der Entschluss umzuziehen Überwindung, schließlich hatten beide in Weimar und Umgebung weder Verwandte noch Freunde und Bekannte. Als kundiger Türöffner erwies sich die Cousine; über sie lernten die Dörrscheidts Irmela und Reinhard Bokemeyer kennen. Sie hatten damals gerade begonnen, das ehemalige Kammergut als Seniorenwohnanlage im gehobenen Ambiente auszubauen. „Wir gehörten zu den ersten Mietern in der Mühle“, sagt Dörrscheidt. Unmittelbar nach seiner Pensionierung im Sommer 2002 zogen er und seine Frau hier ein - nach 32 Jahren in Bochum. Rund 1000 Euro zahlen sie seitdem für 110 Quadratmeter. Das ist nicht billig, dafür aber sind Extras wie Schwimmbad, Sauna, Hobby- und Konzertraum inklusive. „Betreutes Wohnen für betuchte Bildungsbürger“, nennt Reinhard Bokemeyer das Konzept. Heute sind die 53 Wohnungen in Mühle und Kammergut komplett vermietet - je zur Hälfte an Senioren aus den alten und den neuen Ländern. Inzwischen gibt es sogar Wartelisten.

          Die Kultur macht Weimar attraktiv

          Die Bokemeyers zogen bereits 1992 aus Frankfurt am Main nach Weimar. Heute sind sie selbst Rentner und Wegbereiter für ansiedlungswillige Senioren aus ganz Deutschland. „Für uns war es Liebe auf den ersten Blick“, schildert Irmela Bokemeyer ihre Begegnung mit Weimar unmittelbar nach der Währungsunion 1990. Als Reinhard Bokemeyer ein halbes Jahr später eine Baufirma in Weimar übernahm, zögerte seine Frau nicht, mitzugehen. „Die Kinder waren erwachsen, und ewig pendeln wollten wir auch nicht.“ Also verkauften sie ihr Haus und erwarben ein neues - mitten in Weimar und mit Geschichte. „Der Denkmal- und Klassikgedanke kommt ja hier aus allen Knopflöchern“, sagt Reinhard Bokemeyer. In ihrem neuen Zuhause wohnte einst Heinrich Hoffmann von Fallersleben, im Garten blühen Orangen- und Zitronenbäumchen, gleich hinter dem Zaun beginnt der Ilmpark mit Goethes berühmtem Gartenhaus, und bis in die Innenstadt mit Nationaltheater, Anna-Amalia-Bibliothek und Stadtschloss sind es von hier keine fünf Minuten - zu Fuß.

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