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Renate und Ingrid Müller im Gespräch : „Wer hat sich denn das ausgedacht?“

  • Aktualisiert am
„Endlich alles wieder normal”: Renate (links) und Ingrid Müller
          5 Min.

          Lassen Sie uns über Ihr Buch sprechen, das vom Brustkrebs handelt, an dem Sie beide fast gleichzeitig erkrankt sind.

          Ingrid: Schön, dass uns endlich mal ein Mann interviewt.

          Was haben Sie gegen weibliche Interviewer?

          Renate: Nichts, aber mit diesem Thema setzen sich eher Frauen denn Männer auseinander. Frauen sind dann im Gespräch aber oft erschütterter und gehemmter, weil es sie ja genauso treffen kann.

          Humor ist elementar: Der Karikaturist Achim Greser hat die Bilder für das Buch gemalt
          Humor ist elementar: Der Karikaturist Achim Greser hat die Bilder für das Buch gemalt : Bild: Achim Greser

          Man möchte denken, dass Brustkrebs in den vergangenen Jahren so viele prominente Erfahrungsberichte hervorgebracht hat, dass Frauen aufgeklärter und offener sind denn je.

          Ingrid: Das stimmt, nur haben wir die Berichte von Kylie Minogue oder Miriam Pielhau nicht gelesen, als wir noch gesund waren. Weder in meinem Freundeskreis noch in unserer Familie hatte je jemand Brustkrebs, und so hatte ich keine Ahnung davon. Man beschäftigt sich damit erst, wenn man einen Grund dazu hat.

          In Ihrem Fall war der Grund ein Hinweis eines Liebhabers. Sie leiten das Buch mit dieser Begebenheit ein: Ein bekannter Schauspieler weist Sie morgens im Bett auf einen Knoten in Ihrer Brust hin.

          Renate: Ich habe lange überlegt, ob ich das reinschreibe, weil es ja die Welt nichts angeht, mit wem ich meine Nächte verbringe. Ich wäre mir aber blöd vorgekommen zu schreiben: "Eines Morgens wachte ich auf und stellte fest. . ." Das entspricht nicht der Realität. Es ist ja nicht so, dass wir Frauen 24 Stunden am Tag unsere Brüste abtasten. Und ich habe während der Therapien von so vielen Wegen gehört, wie Knoten gefunden werden. Da gibt es Fälle, wo Frauen beim Kartenspielen mal nicht mit der linken, sondern ausnahmsweise mit der rechten Hand ihre Karten halten und dabei merken, dass da unter der Achsel etwas ist.

          Weiß der Liebhaber um sein Verdienst?

          Ingrid: Ja, wir haben ihn vor kurzem erst wieder zufällig getroffen. Er war sehr erfreut, dass es uns wieder gutgeht. Er ist Renates Lebensretter, und er ist mein Lebensretter.

          Wie ging es nach dieser Nacht weiter?

          Renate: Ich habe den Vorfall verdrängt und bin erst nach Wochen zum Arzt gegangen. Nach einer Mammographie wurde eine Biopsie angeordnet. Als die entnommenen Zellproben untersucht waren, stand im September 2008 fest, dass ich Brustkrebs hatte und operiert werden musste.

          Sie sind Ihrer Schwester bei den ersten Therapien beigestanden. Wann haben Sie den Entschluss gefasst, sich auch untersuchen zu lassen?

          Ingrid: Viele Ärzte, die gesehen haben, dass Renate eine eineiige Zwillingsschwester hat, haben mir geraten, mich untersuchen zu lassen. Erst habe ich mir nicht erlaubt, über mich nachzudenken, wo ich doch meiner Schwester helfen wollte. Als ich dann zum Arzt ging, habe ich es Renate nicht erzählt.

          Die meiste Zeit Ihres Lebens hatten Sie als Zwillinge eine innige Beziehung zueinander. Über die ersten Wochen von ihrer Erkrankung aber schreibt Ingrid: „Wir sprechen plötzlich unterschiedliche Sprachen.“

          Ingrid: Das war der totalen Hilflosigkeit geschuldet, die wohl jeder Angehörige verspürt, der danebensteht. Ich habe mich damals über Kliniken informiert und alles gelesen, was über die Krankheit zu lesen war. Ich wollte ihr helfen, mit Ratschlägen und Plänen.

          Renate: Und ich hatte damals einfach eine Scheißangst und wollte nicht, dass mich jemand mit weiteren Vorschlägen durcheinanderbringt. Wir beide mussten verstehen, dass man seinen eigenen Weg finden muss. Auch später, als wir beide krank waren, stieß die hilfreiche gegenseitige Aufmunterung manchmal an ihre Grenzen. Es ist schön, wenn jemand die Hand hält, aber es gibt Situationen, die man alleine durchstehen muss. So wie man auch alleine stirbt.

          Zwei Monate nach Renates Diagnose haben Sie erfahren, dass auch Sie Brustkrebs haben.

          Ingrid: Für mich war das eigentlich klar, als die Radiologin sagte, sie wolle eine Biopsie machen. Ab diesem Moment habe ich mich mit der Frage beschäftigt, ob die nächsten Schritte nun wie bei Renate ablaufen. Ich konnte ja sehen, wie hart das ist. Bei der zweiten Phase von Renates Chemotherapie war ich dann schon nicht mehr dabei, sondern selbst in Behandlung.

          Renate: Als Ingrid mich anrief, um mir von ihrer Diagnose zu erzählen, habe ich mich im ersten Moment gefragt: „Wie kann man so was eigentlich noch ertragen? Wer hat sich denn das ausgedacht?“

          Hofft man in diesem Moment auf jemanden, der sich das ausgedacht hat? Sie sind beide mit 20 Jahren aus der Kirche ausgetreten.

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