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Geburten in Brasilien : Die „Kaiserschnitt-Seuche“ soll eingedämmt werden

In Brasilien kommen 56 Prozent der Neugeborenen per Kaiserschnitt zur Welt Bild: ZB

In Brasilien ist der Kaiserschnitt zum Statussymbol geworden. Das lohnt sich für die Krankenhäuser, ist aber nicht immer das Beste für Mutter und Kind. Deshalb greift nun die Regierung ein.

          3 Min.

          Die brasilianische Regierung unternimmt einen neuen Versuch, die Zahl der Entbindungen durch Kaiserschnitt in dem größten und bevölkerungsreichsten Land Lateinamerikas zu verringern. Seit Beginn dieser Woche ist eine Regelung in Kraft, wonach Ärzte und Krankenhäuser die Schwangeren vor der Entbindung auf die Risiken einer Kaiserschnittgeburt hinweisen müssen. Zudem müssen die Entbindungsstationen spätestens zwei Wochen nach dem Eingriff den Krankenkassen und den Gesundheitsbehörden eine Dokumentation vorlegen, aus der hervorgeht, dass der chirurgische Eingriff notwendig war. Bei Verstößen drohen Krankenhäusern und Ärzten Geldstrafen von umgerechnet bis zu 7300 Euro. Mit der gleichen Strafe können Krankenkassen belegt werden, wenn sie trotz fehlender Dokumentation die Kosten für den Eingriff übernehmen.

          Matthias Rüb

          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

          In Brasilien kommen 56 Prozent der Neugeborenen per Kaiserschnitt zur Welt, so viele wie in keinem anderen Land. In Privatkliniken kommen 85 Prozent der Kinder mit Kaiserschnitt zur Welt. In den Krankenhäusern des öffentlichen Gesundheitswesens liegt der Anteil bei 40 Prozent.

          In Deutschland liegt die Quote der Schnittentbindungen bei 32Prozent

          Die Kinderärztin Luciana Herrero, Autorin eines jüngst veröffentlichten „Ratgebers zur Geburt“, bezeichnete die Kaiserschnittquote als „Schande“ für ihr Land. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfiehlt, dass allenfalls zehn bis 15 Prozent der Kinder per Kaiserschnitt entbunden werden, und zwar nur dann, wenn wegen Gefahr für die Gesundheit der Mutter oder der Leibesfrucht eine natürliche Geburt nicht in Frage kommt. In Deutschland liegt die Quote der Schnittentbindungen bei 32Prozent, in den Vereinigten Staaten ebenso.

          José Carlos de Souza Abrahão von der staatlichen Gesundheitsorganisation ANS beklagte jetzt abermals Brasiliens „Kaiserschnitt-Epidemie“, die endlich eingedämmt werden müsse. „Die Niederkunft ist einer der wichtigsten Augenblicke im Leben einer Frau und ihrer Familie“, sagte de Souza Abrahão. Bessere Informationen über die Risiken des chirurgischen Eingriffs könnten Frauen dabei helfen, zu entscheiden, was für ihre Gesundheit und die ihres Kindes am besten ist. Nach Angaben der ANS ist das Todesrisiko für die Mutter bei einem Kaiserschnitt dreimal höher als bei einer Spontangeburt. Die Kaiserschnittsäuglinge hätten viel öfter Atemwegserkrankungen. Viele Kaiserschnitte werden schon während der 37. und 38. Schwangerschaftswoche vorgenommen, vor den Wehen. Viele Kaiserschnittkinder kommen nach der Geburt in den Brutkasten statt in die Arme der Mutter, weil ihnen wertvolle Tage oder gar Wochen der weiteren Entwicklung im Mutterleib fehlen.

          Für Krankenhäuser lohnen sich eng getaktete Kaiserschnittgeburten

          Zumal in der aufstrebenden Mittelschicht Brasiliens ist der Mythos verbreitet, der Kaiserschnitt sei die sicherste Art der Entbindung. Er gilt zudem als „modern“ und „sauber“ und wird – vergleichbar mit kosmetischen Operationen zur Vergrößerung von Brust oder Gesäß – als Statussymbol betrachtet. Der Anstieg der Kaiserschnittgeburten in Brasilien geht aber auch auf die seit den siebziger Jahren geltende gesetzliche Regelung zurück, wonach während der gesamten Zeit der Geburt neben einer Hebamme auch ein Arzt anwesend sein muss. Weil die Ärzte für die meist längere natürliche Geburt das gleiche Honorar erhalten wie für die Kaiserschnittentbindung, lohnt es sich für sie und die Krankenhäuser finanziell, wenn sie möglichst eng getaktet viele Kaiserschnittgeburten abrechnen können. Nach brasilianischen Medienberichten müssen Ärzte bei natürlichen Geburten im Durchschnitt zwölf Stunden bereitstehen. Ein Kaiserschnitt sei in drei Stunden zu erledigen. Während ihrer Ausbildung können brasilianische Medizinstudenten zudem kaum mehr bei natürlichen Geburten assistieren, so dass ihnen die Erfahrung fehlt.

          Viele Krankenhäuser kritisieren die neue Regelung auch deshalb, weil für natürliche Geburten mehr Betten für die Wöchnerinnen vorhanden sein müssten. In den meisten west- und nordeuropäischen Ländern sowie in den Vereinigten Staaten und Kanada deutet sich in den vergangenen Jahren zumindest langsam ein gesellschaftlicher Wandel an, bei dem Frauen wieder zur natürlichen Geburt zurückkehren; zudem ist die Hebamme bei der Geburtsbegleitung wieder in den Vordergrund getreten. In Brasilien wird es nach Ansicht von Fachleuten noch lange dauern, bis sich ein vergleichbarer Mentalitätswechsel durchsetzt.

          Weniger Kinder, mehr Schnittentbindungen

          Obwohl die Zahl der Geburten in Deutschland zwischen 2003 und 2012 um mehr als 35 000 auf 653 215 Entbindungen zurückgegangen ist, stieg die Zahl der Kaiserschnitte im selben Zeitraum massiv. Das belegen Zahlen des Statistischen Bundesamtes, die in einer Kleinen Anfrage im Deutschen Bundestag zur wirtschaftlichen Situation der Hebammen im vergangenen Jahr genannt werden. Demnach gab es 2003 in Deutschland 687 508 Geburten, davon waren 175 341 Entbindungen durch Kaiserschnitt. Das entspricht einem Anteil von 25,5 Prozent. Schon damals gab es ein Ost-West-Gefälle: Die meisten Kaiserschnitte wurden im Saarland (30,5 Prozent), in Hessen (28,4), Rheinland-Pfalz (28,2), Bremen (27,8), Baden-Württemberg (26,9) sowie Bayern, Hamburg und Nordrhein-Westfalen (jeweils 26,5) gezählt, die wenigsten in Sachsen (19,2), Sachsen-Anhalt (19,2), Brandenburg (20,1), Berlin (20,5), Thüringen (21,3) und Mecklenburg-Vorpommern (21,4). Zehn Jahre später fanden 208 254 Entbindungen durch Kaiserschnitt statt, ein Anteil von 31,9 Prozent. Spitzenreiter waren das Saarland (37,2), Rheinland-Pfalz (35,5), Hessen (34,6), Baden-Württemberg (33,6), Bremen (33,2) und Hamburg (33,1). Aber auch in den ostdeutschen Bundesländern wurde 2012 bereits jedes vierte Kind auf einem Operationstisch zur Welt gebracht. Schlusslicht mit 23,7 Prozent blieb dabei Sachsen hinter Brandenburg (26,1) und Thüringen (26,8). (pps.)

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