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Rauchverbot in der Bahn : Die sitzen einfach nur rum

  • -Aktualisiert am

Immer weniger Zufluchtsorte: Raucher in der Bahn Bild: AP

Seit dem 1. Oktober gilt in den Speisewagen der Deutschen Bahn ein totales Rauchverbot. Wie wird es von den Fahrgästen angenommen? Eindrücke vom Tag eins: ein Kontrollgang durch die Bordbistros der Bahn.

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          InterCityExpress 78, Zürich-Hamburg. Grenzübertritt in Basel um 7.19 Uhr, fünf Minuten Verspätung in Freiburg. Die Sonne lugt durch die dichte Wolkendecke, es ist Tag eins. Tag eins eines Verbots, dem Fahrgastbefragungen, Betriebsratsgespräche und Fachgremiensitzungen vorausgingen. Und dann die Entscheidung: totales Rauchverbot in allen Speisewagen der Deutschen Bahn.

          Mark Koehler hat nicht viel zu tun an diesem Morgen. Drei Gäste haben sich erst ins Bordbistro verirrt, an den Tresen zwischen Schokoriegeln, Sonntagszeitungen und Bierzapfhahn. Vor ihm liegen noch sechzehn Stunden Arbeit in der Küche und im Verkauf. Vom Rauchverbot ist er nicht begeistert und verrät auch gleich den Grund: „Ich bin selbst starker Raucher.“ Doch Zeit zum Rauchen bleibe ohnehin meist nicht, und in Wirklichkeit bange er auch viel mehr um seine Umsatzbeteiligung. Drei Prozent gehen jeweils an die einzelnen Mitarbeiter. Viel gekauft hätten Raucher allerdings nur selten, schränkt Mark Koehler ein. „Morgens nehmen die Kaffee, abends Bier. Die sitzen einfach nur rum.“

          „Nach so vielen Stunden dröhnende Kopfschmerzen“

          Offenburg, Gleis 4, mitten in der Ortenau. Direkt am Einstieg des ICE 602 nach Köln liegt eine Rauchwolke schwer in der Luft, die sich mit beißendem Uringeruch mischt. Eine Toilette ist übergelaufen, und der Inhalt ergießt sich über den grauen Teppich des Hochgeschwindigkeitszugs der letzten Generation. Direkt daneben: das Kinderabteil. Im Bordbistro keine Gäste. Mitarbeiterin Jessica Hocker löst das Kreuzworträtsel der „Bild am Sonntag“. Sie ist dankbar für das Rauchverbot. „Nach so vielen Stunden im Rauch hat man dröhnende Kopfschmerzen.“ Kollege Thomas Struck kommt gerade aus der ersten Klasse zurück. Er war „mal eben eine kleine Zigarette rauchen“.

          Für Raucher sind die Zeiten des Luxus im Speisewagen vorbei
          Für Raucher sind die Zeiten des Luxus im Speisewagen vorbei : Bild: Reuters

          Ein korpulenter Mittfünfziger entert das Bistro. Direkt nach der Bestellung einer Tasse Kaffee holt er eine Packung Zigaretten mit polnischer Warnaufschrift hervor. Freundliche Worte rund um das Rauchverbot von den Bahn-Mitarbeitern und Verweis auf ein kleines Pappschild. Die Reaktion des potentiellen Kunden folgt auf dem Fuße. „Dann will ich keinen Kaffee mehr. Ich gebe doch keine 2,70 Euro aus, wenn man dazu nicht rauchen darf“, sagt der anonyme Raucher und verschwindet.

          „Fahrgäste in der Schweiz akzeptieren das problemlos“

          Auch Zugbegleiter Jörg Poetendorf hat sich seine Worte schon zurechtgelegt, wenn er die neue Regelung gegenüber den Fahrgästen umsetzen muß: Freundlich bleiben, lautet seine Devise. „In der Schweiz herrscht schon länger Rauchverbot, und die Fahrgäste akzeptieren das problemlos“, sagt Poetendorf und tippt auf seinem mobilen Computerterminal.

          Piepsend schließen sich die Türen des Zuges in Richtung Berlin-Ostbahnhof. Manfred Tillner arbeitet seit zehn Jahren in Bordbistros der Bahn und ist einer der wenigen Mitarbeiter, die den Beruf des Kellners wirklich gelernt haben. Das Verbot findet er gut, es komme nur viel zu spät. 1800 Euro beträgt die Gastronomie-Umsatzvorgabe für die Strecke München-Berlin. „Viele Raucher haben doch gar nichts gekauft. Die standen nur zum Rauchen da.“ Er vermutet, daß wieder mehr Kunden kommen könnten, die sich zuvor von verqualmter Luft abschrecken ließen. Nicht nur Campari, auch Latte Macchiato und einige Angebote mehr sind mit Einführung des Rauchverbots auf den Speisekarten der Fernzüge hinzugekommen.

          „Ich fahre dann einfach wieder mit dem Auto“

          Eine junge Frau zündet sich derweil eine Zigarette an und liest einen Artikel über die Schule „Schloß Salem“ in der „Zeit“. Kritische Blicke von Mitreisenden. Die Glastür schwingt auf, und der Zugchef läuft durch. Ein kurzer Monolog, und die Psychologiestudentin ist peinlich berührt: „Ich hatte sowieso immer ein schlechtes Gewissen, die Leute zuzuqualmen.“ Sie ordert eine heiße Schokolade und beißt in eine mitgebrachte Waffel. „Eine Sünde muß man auch im Zug behalten.“

          Nur zwei Stehplätze weiter sieht Klaus Fopp das Verbot nicht ganz so tolerant und plant schon für seine zukünftigen Reisen: „Ich fahre dann einfach wieder mit dem Auto.“ Manfred Tillner relativiert: „Noch kann man ja in den Raucherabteilen der Züge qualmen.“ Noch. In Berlin macht sich die Konzernführung schon Gedanken darüber, zum Jahreswechsel ein komplettes Rauchverbot in allen Zügen zu verhängen.

          Und geht es nach dem elfjährigen Peter, kann das alles gar nicht schnell genug gehen: „Die Erwachsenen rauchen so sehr, daß man gar keine Luft mehr bekommt.“ Schwester Lena ergänzt: „Die sollen mindestens hundert Euro Strafe zahlen müssen!“ Klaus Fopp grinst.

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