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Raucher : "Wenn ich rauche, bin ich ein Genie"

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„Alles geht in Rauch auf, auch die Liebe” Bild: dpa/dpaweb

Alexander von Schönburg, Ex-Raucher und Ex-Redakteur der Frankfurter Allgemeinen, hat ein Buch übers Nichtrauchen geschrieben. Wir baten ihn zum Gespräch mit Franz Josef Wagner, "Bild"-Kolumnist und Kettenraucher.

          Alexander von Schönburg, Ex-Raucher und Ex-Redakteur der Farnkfurter Allgemeinen, hat ein Buch übers Nichtrauchen geschrieben. Er sprach mit Franz Josef Wagner, "Bild"-Kolumnist und Kettenraucher.

          Alexander von Schönburg: Herr Wagner, seit wann rauchen Sie?

          Franz Josef Wagner: Ich habe schon als Kind damit angefangen - damals war ich noch bei den Regensburger Domspatzen. Wenn ich mich recht entsinne, hat mich mein Bruder dazu verführt. Wir zogen an unseren Zigaretten, und die Rauchwolken waren wie Träume über unser eigenes Leben.

          Und wieviele Zigaretten haben Sie heute schon geraucht?

          Furchtbar viele. Ich habe gerade meine Kolumne geschrieben und dabei vierfach geraucht: Einige Zigaretten glimmten in meinem Aschenbecher, andere in meinem Mund... Ich kann da gar nicht mitzählen

          Mein Beileid!

          Quatsch! Rauchen ist für mich trockener Alkoholgenuß, ein trockener Rausch.

          Wenn es wenigstens ein richtiger Rausch wäre... Dabei bringt es einen ja nicht einmal auf eine neue Bewußtseinsebene.

          Für mich hat Rauchen mit Einsamkeit zu tun, mit meinem Ich, mit meinen Gefühlen. Ich komme mir in meiner Einsamkeit manchmal vor wie Willy Brandt, der morgens vor seinem Aschenbecher voller Zigarettenstummel saß - ein einsamer Mann, der nichts hatte außer seinen Zigaretten. Rauchen ist für mich die Bestätigung meines eigenen einsamen Lebens. Und ich hatte in meinem Leben sehr viele Erlebnisse, wo mir nur die Zigarette geholfen hat.

          Zum Beispiel?

          Zum Beispiel, als ich bei der "Bunten" rausflog. Der Verleger sagte mir: "Es ist zu Ende." Was machst du in so einer Situation? Du nimmst eine Zigarette und rauchst. Ohne Zigarette hätte ich mich wahrscheinlich umgebracht. Ich bin damals ja auf eine Weise gedemütigt worden, alle Zeitungen haben mich als Untier beschrieben. Meine eigene Tochter hat mich gefragt: "Papa, bist du wirklich so ein Arschloch, wie die alle schreiben?" Ja, ohne Zigarette wäre ich in die Fluten gesprungen. Die Zigarette ist mein Soldat, mein tapferer Begleiter.

          Ich finde, man sollte das nicht so romantisieren. Sonst fällt man genau auf den Trick der Zigarettenindustrie rein, die das Rauchen schon immer als etwas besonders Männliches, Verwegenes dargestellt hat. Dabei ist Tabak im Prinzip ja eine sehr spießige Droge, weil sie sich als einzige Droge mit dem normalen, spießigen Leben vereinbaren läßt.

          Ich glaube, von uns beiden sind Sie der Spießer, während ich ein Romantiker bin. Der Rauch beinhaltet für mich das Fegefeuer, das Indianerfeuer und das "In-die-Ferne-Gucken". Wenn ich rauche, bin ich ein Kamerad, der am Lagerfeuer sitzt. Ich lebe ja ganz allein und habe niemanden, der mit mir spricht. Wenn ich mir die Zigarettenpackung aufmache, finde ich Ansprache...

          Wie müssen wir uns diesen Dialog vorstellen?

          Ich beginne den Tag mit einer summenden Espresso-Maschine, die wunderbare Zischgeräusche macht. Und während dieses Ding warmläuft, zünde ich mir die erste Zigarette an. Die zischende Espresso-Maschine, die knisternde Zigarette und ich - das sind doch wunderbare Gesprächspartner.

          Sind Sie ein Sklave Ihrer Sucht?

          Genauso wie Sie ein Sklave Ihrer Nichtraucherei sind. Was mich angeht: Ich habe doch sonst nichts mehr. Alle sagen, ich hätte Millionen auf dem Konto, meine Wasserhähne seien vergoldet. Alles Quatsch. Ich habe nur meine Espresso-Maschine und meine Gitanes. Aber trotzdem sage ich mir jeden Morgen: Genau dafür bist du auf die Welt gekommen. Nicht für Filetsteaks oder für die Liebe. Sondern für den Geruch von frischem Espresso und einer Gitanes.

          Wieso ausgerechnet Gitanes?

          Weil das Wort "Gitanes" Zigeuner bedeutet, und das paßt ganz gut zu meinem eigenen Zigeunerleben. Einem außergewöhnlichen Leben in ständiger Todesgefahr. Und ich glaube, daß das Leben nur in Todesgefahr interessant ist.

          Ich glaube, es ist der größte Marketingerfolg der Zigarettenindustrie, die Zigarette als die Droge des einsamen Wolfes zu verkaufen.

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