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Tod im Krankenhaus : Die richtige Seite operieren

  • -Aktualisiert am

Qualitätssicherung im Krankenhaus: Im entscheidenden Moment passieren oft Fehler Bild: ddp

Studien zufolge wären bis zu 98.000 Todesfälle in Krankenhäusern vermeidbar. Dabei könnte die Optimierung von Abläufen nicht nur die Fehlerquote senken und Leben retten, sondern auch Kosten drücken.

          6 Min.

          Vielleicht können die Chefärzte ja von den Chefpiloten lernen. David Johnson, ein Kapitän der British Airways, verglich im Jahr 2001 in einem Beitrag für das „British Medical Journal“ seinen Berufsstand mit dem der Ärzte. Früher einmal sei der Kapitän an Bord „grundsätzlich Gott“ gewesen. Dann habe die Fluggesellschaft mit dem „Crew Resource Management“ (CRM) begonnen. Die Teamfähigkeit wurde trainiert. Prüfungen wurden eingeführt, um die Fehlerquote zu senken.

          „Senior Captains“ mussten sich der Befragung durch „Junior Pilots“ stellen. Kapitäne hatten sich zu wandeln vom Autokraten zum Teamspieler. Heute, so Johnson, sei Teamfähigkeit so bedeutsam wie technisches Wissen oder fliegerisches Können. Unfälle ereigneten sich wegen Systemfehlern, nicht aus Dummheit oder Inkompetenz. Den Angehörigen des Medizinbetriebs schrieb Johnson ins Stammbuch: „Ich glaube, dass die Medizin etwas vom CRM-Training lernen kann.“

          Irren ist menschlich

          Und so geschah es. Schon im November 1999 hatte das Institute of Medicine in Washington D.C. eine Studie mit dem Titel „To err is human“ (Irren ist menschlich) veröffentlicht. Die Autoren zeigten, dass mindestens 44.000 bis 98.000 Todesfälle in amerikanischen Krankenhäusern vermeidbar wären. Zehntausende Patienten, so ließ sich aus diesen Zahlen ableiten, litten unnötig. Die Autoren rechneten mit weiteren vermeidbaren Kosten von 17 bis 29 Milliarden Dollar im Jahr wegen zusätzlichen Pflegeaufwands, verlorener Einkommen oder gesunkener Produktivität.

          Zudem verlören die Patienten das Vertrauen in die Medizin und litten psychisch und physisch. In der Ausbildung und Zulassung von Medizinpersonal spiele die Vermeidung von Fehlern nur eine untergeordnete Rolle. Die Autoren schrieben, die Fehler würden nicht von Ärzten, Schwestern, Apothekern oder Krankengymnasten verursacht. Meist lägen die Ursachen im System. Es verleite die Handelnden dazu, Fehler zu begehen oder nicht zu verhindern. Vor allem in Amerika und in England wächst seither das Bewusstsein dafür, dass man die Abläufe in Krankenhäusern verbessern muss.

          16,6 Prozent der Patienten fehlerhaft behandelt

          Autoren des „British Medical Journal“ verwiesen im März 2001 auf Studien, nach denen zwischen 3,7 und 16,6 Prozent der Patienten fehlerhaft behandelt wurden - sei es durch falsche Medikation, falsche Abläufe, mangelnde Erfahrung der Ärzte, Übermüdung des Personals, Fehler in der Handhabung von Geräten oder schlichten Irrtum. Die Hälfte der Fehler wäre vermeidbar gewesen. Ein Drittel der Fehler führte für die Patienten zu massiven Einschränkungen - bis hin zu Behinderung oder zum Tod.

          In Amerika begann das Institute for Healthcare Improvement (IHI) seine „100.000 Lives Campaign“. 100.000 Patienten müssten nicht sterben, wenn die Prozesse in den Krankenhäusern verbessert würden. Die auf 18 Monate angelegte Kampagne begann vor zwei Jahren. 3.103 amerikanische Krankenhäuser, in denen 75 Prozent aller amerikanischen Krankenhausbetten standen, schrieben sich ein. 86 Prozent von ihnen legten ihre Mortalitätsraten offen - die Todesfallrate galt als fälschungssicheres Indiz. Im Juni 2006 verkündete IHI-Präsident Donald M. Berwick einen Erfolg: 122.342 Leben seien gerettet worden. Zum neuen Jahr hat man mit der „Five Million Lives Campaign“ ein neues Ziel ausgegeben.

          Erfolgsgeschichten motivierten die Teams

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