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Psychologie : Mensch, schäm dich!

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„Problematisch wird es, wenn man plötzlich scheitert“

Aber Scham kann auch auftreten, ohne dass es dafür einen greifbaren Anlass gibt. Jemand fühlt sich minderwertig. Wenn Titzes Patienten die Ursache dafür nicht kennen, ist es umso schwieriger, das Problem in den Griff zu kriegen: „Ziel der Therapie ist hier, dem Patienten zu vermitteln, dass es völlig okay ist, durchschnittlich zu sein, dass er liebenswert ist, auch wenn er keine besondere Leistung vollbringt.“ Die Ursachen, warum immer mehr Menschen wegen sich selbst verzweifeln, liegen für den Analytiker auf der Hand: „Gesellschaftliche Werte wie zum Beispiel Solidarität sind allgemein relativiert worden. Heute zählt vor allem eines: der persönliche Erfolg.“

Strategien, mit denen sich Scham abwehren lässt, gibt es viele, und häufig finden sie unbewusst Anwendung: Manche Leute mit schlechtem Selbstwertgefühl werden arrogant und werten ihre Mitmenschen ab, manche legen wie Brandon aus dem Film eine demonstrative Schamlosigkeit an den Tag. Andere treten bescheiden auf und beugen so einer Beschämung vor. Viele werden perfektionistisch und kompensieren die gefühlte Minderwertigkeit mit privaten oder beruflichen Bestleistungen.

Problematisch wird es meist erst, wenn man plötzlich scheitert: „Wenn der Workaholic seine Stelle verliert oder der Don Juan in die Jahre kommt und das Interesse der Frauen nachlässt, verliert ein schamgebundener Mensch vor sich selbst das Gesicht.“ Aber nicht immer muss es erst zu einer Niederlage kommen. Manchmal reicht der Erfolgsdruck, um Burnout zu bekommen, und manchmal genügt die Angst vor dem Scheitern, damit einer keine öffentlichen Räume mehr betritt oder früher in Rente geht. „Menschen, die sich für sich selbst schämen, fühlen sich überall fehl am Platz“, sagt die Psychotherapeutin Karen Kocherscheidt. Pathologisch werde es, wenn Betroffene anfingen, bestimmte Situationen zu meiden, nicht mehr zu arbeiten, nicht mehr unter Leute zu gehen.

Hinter einer Schamneigung stehen immer Selbstwertprobleme, und bei einer Vielzahl von Störungen spielen sie eine Rolle: bei Abhängigkeiten aller Art, bei Depressionen und Borderline-Erkrankungen, bei Bulimie und sozialer Phobie. Kocherscheidt hat empirisch untersucht, dass es eher Scham- als Schuldgefühle sind, die mit seelischen Krankheiten einhergehen. „Menschen, die sich schnell schämen, neigen zu Depressionen und anderen psychischen Störungen“, resümiert die Therapeutin.

Annette Kämmerer, Professorin für Psychologie an der Universität Heidelberg, hat einen Fragebogen entworfen, den sie von mehr als 300 psychisch Kranken und ebenso vielen Gesunden ausfüllen ließ. Diese sollten bewerten, wie beschämend bestimmte Alltagssituationen für sie sind. Es zeigte sich: Psychisch Kranke fanden mehr Situationen beschämend, und ihr Schamgefühl war intensiver. „Das Schamempfinden ist bei Depressiven am stärksten ausgeprägt, gefolgt von Menschen mit Phobien wie Platzangst und Panikstörungen“, sagt Kämmerer.

Das Schamempfinden von Gesunden zeigte sich weniger in sozialen Situationen als vielmehr im Zusammenhang mit körperlicher Blöße. Sie fand zudem heraus, dass sich Frauen stärker schämen als Männer und dass die Intensität des Schamempfindens mit dem Alter nachlässt: Zwischen zwanzig und vierzig sind Schamgefühle am stärksten ausgeprägt. In diesem Alter träten auch die meisten seelischen Störungen auf. Welche Symptome schamgebundene Menschen entwickeln, kann die Wissenschaft nicht erklären: „Es ist kaum erforscht, wieso jemand mit schlechtem Selbstwertgefühl Depressionen bekommt und ein anderer zum Alkohol greift“, sagt Kämmerer.

Doch Scham kann auch positiv wirken - in Gruppen. Das zeigen Experimente von britischen Wissenschaftlern. Sie spielten Studenten einen Film vor, in dem ein Mann im Supermarkt versehentlich einen Berg Toilettenpapier umstößt. In manchen Versionen reagiert er peinlich berührt auf sein Missgeschick, in anderen nicht. Die Studenten reagierten dann mit Wohlwollen, wenn er seine Verlegenheit zeigte. Und so hat eine leichte Schamhaftigkeit doch auch etwas Gutes.

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