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Psychisch Kranke : Endlich keine Klinik mehr

  • -Aktualisiert am

Die Heirat mit seiner imaginären Frau muß Willem schon seit 33 Jahren immer wieder aufschieben. Und doch ist er gut aufgehoben. Er wohnt in der belgischen Stadt Geel. Dort leben psychisch Kranke in Pflegefamilien.

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          Wenn Willem auszieht, um zu heiraten, dann kommen das Fernsehgerät und sein schöner neuer Schrank mit. Das hat er seiner Familie schon gesagt. Seine Braut hat noch niemand kennengelernt. Rosalie existiert nur in Willems Kopf, seit 33 Jahren. Willem Peeters, der nur in diesem Text so heißt, ist psychisch krank, und die Familie, in der er lebt, gar nicht mit ihm verwandt: Als Fremder zog er 1940 in ihr Haus ein. Seitdem ist der heute 81 Jahre alte Mann in der Familie geblieben: Inzwischen betreut ihn die Enkelin der ursprünglichen Gasteltern mit ihrem Mann.

          Willem Peeters und seine Mitpatienten Koen Bogaerts und Karel Veldeman wohnen in einer Gastfamilie der psychiatrischen Familienpflege im belgischen Geel bei Antwerpen. Zur Zeit leben etwa 480 Psychiatriepatienten bei etwa 400 Pflegefamilien. Die Familienpflege ist heute Teil der Abteilung Rehabilitation des Öffentlichen Psychiatrischen Krankenhauses (OPZ), ihre Wurzeln aber reichen bis ins Mittelalter zurück.

          „Manchmal haben sie auch idealisierte Vorstellungen“

          Wer nach Geel in die Familienpflege kommt, den haben sie anderswo „austherapiert“, sagt OPZ-Psychiater Lode Weyns. Jemand, der austherapiert ist, hat oft Jahrzehnte in psychiatrischen Kliniken und Heimen hinter sich: „Bevor sie hierherkommen, haben sie wirklich alles ausprobiert“, ergänzt die Koordinatorin der Abteilung Rehabilitation beim OPZ, Lieve Van de Walle.

          Sie sind nicht in der Lage, selbständig zu wohnen, aber ihr Zustand hat sich soweit stabilisiert, daß sie dauerhaft außerhalb einer Klinik leben können - in einer Familie zum Beispiel. Wie dieses Familienleben funktionieren soll, ist den meisten Patienten anfangs ein Rätsel. „Manchmal“, meint Van de Walle, „haben sie auch idealisierte Vorstellungen.“

          Wo eine Kaffeetafel zum Abenteuer werden kann

          Mia Milis ruft: „Noch Löffel!“ Wenig später steht Wim Wouters grübelnd im Eßzimmer, Dessertlöffel in der Hand. Seine Stirn furcht sich vor Anstrengung, er setzt sich in Bewegung. Fünf Leute sitzen am Tisch, Kuchen und Geschirr sind schon da. Wouters verteilt langsam das Besteck, hält inne, um nachzuzählen. Geschafft. Psychiatriepatienten wie Wouters, für die das OPZ eine Gastfamilie sucht, machen vor dem Start bei den Pflegeeltern in rund drei Monaten einen Schnellkurs in normalem Leben.

          Dazu leben sie tagsüber mit ihren Betreuern Mia Milis und Jef Mols im „Observatiehuis“, dem Beobachtungshaus auf dem OPZ-Gelände. In dem Wohnhaus, wo schon eine Kaffeetafel zum Abenteuer werden kann, trainieren sie für den Alltag. Wie das geht: Tisch decken, im Garten arbeiten, einkaufen oder einfach nur zusammensitzen - die Familienkandidaten müssen das in Geel lernen. Milis sagt, sie wollten hier mit gemeinsamem Kochen, dem Gang zum Markt oder ins Café nicht nur herausfinden, was die Patienten schon könnten: „Wir sehen hier auch, was die Patienten vom Familienleben erwarten und welche Umgebung die beste für sie ist.“

          „Er wollte so schnell wie möglich einziehen“

          Bisweilen arrangieren die OPZ-Mitarbeiter eine ganze Reihe von Treffen zwischen einem Patienten und möglichen Gastfamilien. Sie müssen gut zueinander passen - so wie die Verbekes und Paul Broeckx, der seit knapp sechs Jahren bei ihnen in einem Bungalow im Grünen lebt. Nach dem Kennenlernen fragte das Paar den heute Sechsunddreißigjährigen, ob er gern bei ihnen leben würde.

          „Er wollte so schnell wie möglich einziehen“, erinnert sich Mieke Verbeke. Der 81 Jahre alte Johan Vanderdonckt lebte zu dieser Zeit schon seit Jahrzehnten bei den Verbekes. Ein Alltag ohne ihn ist für Mieke Verbeke unvorstellbar - schließlich kennt sie ihn viel länger als ihren Ehemann. Seit sie 14 war, wohnte Vanderdonckt in Miekes Familie, und das ist jetzt 47 Jahre her. Inzwischen ist Verbeke Großmutter, und Johan ist immer noch da: „Ich habe nie auch nur erwogen, nicht mit ihm zusammenzuleben“, sagt Verbeke.

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