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Psychiater in Äthiopien : Die Dämonen werden ausgetrieben

Ausbildung der Mental-Health-Worker an der Universität Jimma. Bild: Andrea Jobst

In Äthiopien leben psychisch Kranke sozial isoliert, im Land herrschen Ärztemangel und Unkenntnis. Ärzte aus München wollen helfen, traditionelle Heilmethoden mit moderner Medizin zu verbinden.

          3 Min.

          Markos Tesfay ist Psychiater, einer von nur 34 in ganz Äthiopien, einer von dreien außerhalb der Hauptstadt Addis Abeba und der einzige in der 150 000-Einwohner-Stadt Jimma im Westen des afrikanischen Landes. Oft arbeitet er bis tief in die Nacht, um die 26 Patienten auf der psychiatrischen Station der Universitätsklinik in Jimma zu versorgen - und die mehr als 150 ambulanten Patienten, die innerhalb einer Woche zusätzlich zu ihm kommen.

          Lucia Schmidt

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Unter einer psychischen Erkrankung leiden 15 Prozent der Erwachsenen und elf Prozent der Kinder in Äthiopien. Die meisten von ihnen sind nicht bei einem Facharzt wie Tesfay in Behandlung, sondern bei einem der vielen Heiler oder Dämonen-Austreiber, die seelische Erkrankungen als ihr ausschließliches Hoheitsgebiet ansehen. Der Glaube, dass übernatürliche Kräfte sich bei einem Fehlverhalten gegen den Menschen richten und ihn mit bösen Geistern besetzen, ist in allen ethnischen und kulturellen Gesellschaftsschichten des Landes tief verankert. Außerdem haben viele Äthiopier große Angst, sich anzustecken. Trifft einen der „böse Blick“ eines „Verrückten“, ist man ebenso von Dämonen besetzt wie dieser auch. Dann helfen, wenn es nach den Vorstellungen der traditionellen Heiler geht, nur noch Opfergaben, Rituale mit toten Tieren, das Baden in „heiligem Wasser“, Räucherstäbchen oder Exorzismus-Riten.

          Es fehlt an Aufklärung

          Psychisch Kranke in Äthiopien sind sozial isoliert. Familien schämen sich für ihre „Sünder“, ketten sie an Bäume oder fesseln ihre verrückten Familienmitglieder in dunklen Lehmhütten. Heiler sind für die meisten der einzige Zugang zu Hilfe. Psychiatrische Versorgung in Äthiopien ist also nicht nur ein quantitatives Problem: Es fehlt an Aufklärung. Patienten und Psychiater werden stigmatisiert.

          Traditionelle Heilmethoden mit modernen Psychopharmaka verbinden - das ist eine Aufgabe, die Tesfay und seine wenigen Kollegen nicht alleine bewältigen können. Sandra Dehning und Andrea Jobst sind zwei von 374 Psychiatern in München, zwei von 60 in der Psychiatrie der Münchner Universitätsklinik - und zwei von zwölf, die regelmäßig nach Jimma fahren und Tesfay dabei unterstützen, die Psychiatrie in Äthiopien zu einem festen Bestandteil der Gesundheitsversorgung zu machen. Gemeinsam haben sie die Ausbildung von Mental-Health-Workern ins Leben gerufen. In einem zweijährigen Kurs werden Äthiopier, die schon im Gesundheitsbereich arbeiten, in psychiatrischer Diagnostik und Behandlung geschult.

          „Hinter diesem Konzept steht die Idee des Task-Shifting. Ärztliche Aufgaben werden an weniger spezialisiertes Personal delegiert, um trotz beschränkter Ressourcen eine breitere Versorgung zu erreichen“, sagt Matthias Siebeck, Oberarzt an der Münchner Universitätsklinik und Mitinitiator des Ausbildungsgangs. „Im augenärztlichen oder internistischen Bereich wurde Task-Shifting schon länger praktiziert als im psychiatrischen. Zu vermitteln, wie ein definierter Eingriff durchgeführt oder ein Impfstoff verabreicht wird, hat in Entwicklungsländern bereits eine gewisse Tradition im Gegensatz zum Vermitteln von psychiatrischen Behandlungen. Hier fehlt außer Wissen nämlich häufig das Verständnis dafür, dass es sich um behandlungsbedürftige Erkrankungen handelt.“

          Verknüpfung von Tradition und Moderne

          Neben einer Ausbildung in Psychopharmakologie, Psychotherapie oder Kinderpsychiatrie gehören auch die landeseigenen traditionellen Behandlungen zum Lehrplan. „Es wäre falsch, die traditionellen Behandlungsmethoden der Heiler einfach als unnütz zu bezeichnen“, sagt Jobst. „Bei leichten psychotherapeutischen Fällen können sie sogar nützen. Vielmehr wollen wir versuchen, beides zu verbinden und die Heiler dazu zu bewegen, wenn sie keine Besserung feststellen, die Patienten ins Krankenhaus zu schicken, so wie auch bei körperlichen Erkrankungen.“

          Das fehlende Verständnis dafür, dass es sich bei psychischen Problemen um behandlungsbedürftige Erkrankungen handelt, erschwert die Arbeit in Äthiopien.
          Das fehlende Verständnis dafür, dass es sich bei psychischen Problemen um behandlungsbedürftige Erkrankungen handelt, erschwert die Arbeit in Äthiopien. : Bild: Andrea Jobst

          Herrschen in einem Land, in dem es in weiten Teilen ums Überleben geht, überhaupt die gleichen psychischen Erkrankungen vor wie in einem hoch entwickelt Land? „Praktisch alle Krankheitsbilder, die wir hier kennen, gibt es auch in Äthiopien“, sagt Sandra Dehning. „Allerdings begegnen einem häufiger Menschen, die unter einer Manie leiden. Tanzende und singende, völlig vernachlässigte Personen, die oft tagelang alleine durch die Straßen der Städte ziehen, sind häufig.“ Ein Grund dafür kann der schlechte Zugang zu Behandlungen sein.

          Die Probleme der Wohlhabenden: Magersucht

          Burnout, das psychische Leiden unserer Gesellschaft, sei allerdings in Äthiopien kein gängiges Krankheitsbild. „Selbstverständlich gibt es auch dort Menschen, die an einer leichten Depression leiden, aber die würden nicht über Stress oder Überforderung klagen. Eine solche Wahrnehmung gibt es in einem Land mit wenig Arbeit und dem ständigen Kampf um die existentiellen Dinge des Lebens nicht“, erklärt Jobst. Und Dehning fügt an: „Was es wiederum gibt und auf den ersten Blick erstaunt: In Addis Abeba hat man bei den Bevölkerungsschichten, denen es bessergeht, den Eindruck, dass das Krankheitsbild der Magersucht immer häufiger auftritt.“ Das Schönheitsideal sei auch dort die schlanke, magere Frau. Das führt zu der absurden Situation, dass sich nur wenige Kilometer entfernt von Hungersnöten junge Frauen zu Tode hungern.

          Für diese Patienten sollen die ersten fünf Mental-Health-Worker, die ihre Ausbildung im Sommer beenden, aber vorerst nicht zuständig sein. In den großen Städten ist die Versorgung verhältnismäßig gut. Mental Health Worker sollen in peripheren Gesundheitsstationen eingesetzt werden und das Vertrauen der Landbevölkerung gewinnen. Derweil kämpft Tesfay in Jimma weiter für ein größeres Ansehen der Psychiatrie - wenn nötig auch mit Plakaten und Anti-Stigma-Demonstrationen auf dem Klinikgelände.

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