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Psychiater im Gespräch : „Unsere Patienten gelten als verrückt, nicht als krank“

„Der Großteil aller Mörder ist nicht psychisch krank: Foto von Copilot Andreas Lubitz, der die Maschine mutmaßlich zum Absturz brachte. Bild: AP

Zweieinhalb Monate ist der Absturz der Germanwings-Maschine her, da warnt der Psychiatrieprofessor Andreas Reif: Das Unglück gefährde massiv die zukünftige Versorgung psychisch Kranker.

          Herr Professor Reif, Sie sagen, der Absturz der Germanwings-Maschine habe nicht nur bei den Angehörigen der Opfer große Trauer hinterlassen und in der Gesellschaft Ängste, Fragen und Wut aufgeworfen, sondern auch gravierende Folgen für die psychisch kranken Menschen in unserem Land. Warum?

          Lucia Schmidt

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Der Absturz liegt nun einige Wochen zurück, und ich spüre in meiner täglichen Arbeit als Psychiater deutlich, dass das schreckliche Unglück die Stigmatisierung von psychisch Kranken neu entfacht hat.

          In welcher Weise?

          Ich kann Ihnen keine gemessene prozentuale Steigerung nennen. Das Ausmaß lässt sich für mich bisher nur erahnen. Aber es ist klar zu sehen: Der mediale und gesellschaftliche Umgang mit der Flugzeugkatastrophe hat die Entstigmatisierung von psychisch kranken Menschen um Jahre zurückgeworfen. Der Flugzeugabsturz hat deutlich gemacht, auf welch dünnem Eis sich die Integration und Akzeptanz von psychisch kranken Menschen in unserer Gesellschaft bewegen. Die Angst vor diesen Patienten ist schnell wieder geweckt, ebenso die Pauschalisierung und die Vorurteile ihnen gegenüber - zum Beispiel, dass „solche Menschen“ nicht belastbar seien oder dass man ihnen keine verantwortlichen Aufgaben übertragen könne, was so pauschal keinesfalls stimmt.

          Und wo genau sehen Sie die Versorgungsprobleme der psychisch Kranken, wenn die Vorurteile wieder steigen?

          In der „Selbststigmatisierung“. Steigen die Vorbehalte in der Gesellschaft, gehen betroffene Menschen seltener zum Arzt, trauen sich nicht, ihre Symptome offen zuzugeben, und bekommen so keine Hilfe. Dazu gibt es Studien aus der Vergangenheit.

          Prof. Andreas Reif ist Direktor der Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie am Klinikum der Johann Wolfgang Goethe-Universität in Frankfurt.

          Was sagen diese Studien?

          Die Zusammenhänge sind gut belegt. Wenn die „wahrgenommene Stigmatisierung“ - also das Empfinden des Patienten, dass er stigmatisiert wird - steigt, dann sinkt seine Bereitschaft, Hilfe zu suchen oder eine Behandlung fortzuführen. Die Patienten berichten generell weniger von ihrer Erkrankung. Dadurch steigt natürlich die Gefahr der Verschlechterung und Chronifizierung, mit allen negativen Folgen.

          Mal einen Schritt zurück: Woher kommen eigentlich diese Befürchtungen gegenüber psychisch Kranken grundsätzlich?

          Psychisch Kranke werden anders bewertet und eingeordnet als „körperlich“ Kranke. Eine gewisse Ursache dafür liegt sicherlich in der historischen Entwicklung der Psychiatrie, aber meist können Menschen gar nicht genau benennen, woher diese Ressentiments gegenüber den psychiatrischen Patienten kommen. Sie basieren nicht auf gemessenen Daten sowie Fakten, sondern stammen mehr aus einem diffusen Gefühl her.

          Kann es vielleicht daran liegen, dass es für Laien wahnsinnig schwierig ist, nachzuvollziehen, was in dem Gehirn eines psychisch kranken Menschen vor sich geht, und so manche Verhaltensweise dieser Patienten für Gesunde schlichtweg unverständlich und beängstigend ist?

           Das mit dem Verständnis ist ein wichtiger Punkt, denn unsere Gesellschaft hat meinem Ermessen nach gleichzeitig zu viel und zu wenig Verständnis für psychisch kranke Menschen.

          Das müssen Sie erläutern.

          Zu wenig verstehen die meisten von den objektiven medizinischen Tatsachen wie den wissenschaftlich belegten Diagnosekriterien und Therapiemöglichkeiten oder von den Ursachen und Symptomen solcher Krankheiten. Mit zu viel Verständnis meine ich, dass jeder glaubt, von seiner eigenen Gefühlswahrnehmung auf die Gefühlslage eines psychisch kranken Menschen schließen zu können. Traurig, ängstlich oder fröhlich war jeder schon einmal. Das lässt sich aber nicht eins zu eins auf die Symptome einer psychischen Krankheit übertragen. Depressiv zu sein fühlt sich nicht so an wie traurig sein. Ausgelassene Fröhlichkeit gleicht nicht einer Manie, und Unwohlsein ist nicht wie eine ausgeprägte Panikstörung.

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