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Ärzte gegen Falschbehandlung : Nur so viel wie nötig

  • -Aktualisiert am

Knochencheck: Ein Röntgenbild einer Halswirbelsäule. Gerade Orthopäden würden häufig unnötigerweise röntgen, sagt Medizinerin Ina Kopp. Bild: Michael Kretzer

Ärzte in Deutschland verschreiben ihren Patienten immer wieder unnötige medizinische Leistungen. In anderen Fällen aber werden wirksame Behandlungen vorenthalten. Die Ärzte-Initiative „Gemeinsam Klug Entscheiden“ will beides ändern. Medizinerin Ina Kopp erklärt im Interview wie.

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          Frau Prof. Kopp, Sie sagen, dass Patienten hierzulande sowohl über- als auch unterversorgt sind. Was meinen Sie damit?

          Wenn man sich anschaut, welche Untersuchungen und Therapien Ärzte verschreiben, fällt auf, dass diese nicht immer sinnvoll sind. Das liegt oft daran, dass Ärzte sich juristisch absichern wollen oder meinen, Patienten erwarten eine bestimmte Behandlung. Ein klassisches Beispiel ist die Volkskrankheit Kreuzschmerz. Patienten mit unkomplizierten Kreuzschmerzen werden häufig geröntgt. Vielleicht bekommen sie auch anschließend eine Reizstromtherapie. Das Röntgenbild wäre oft nicht nötig, und für den Nutzen der Reizstromtherapie gibt es keinen Beweis. Wenn ein Arzt aber beispielsweise statt Reizstrom mehr Bewegung empfiehlt, haben Patienten vielleicht das Gefühl, er würde ihnen etwas vorenthalten. Ein ausführliches Gespräch zu der Frage, woher die Schmerzen kommen und wie sie selbst etwas dagegen tun können, würde vielen Patienten mehr helfen. Es ist deshalb wichtig, dass Ärzte und Patienten intensiver über eine sinnvolle individuelle Behandlung sprechen. Dafür lässt die moderne, leistungsorientierte Medizin aber wenig Raum. Das muss sich ändern.

          Wie wollen Sie das anstellen?

          Zunächst muss man sich überlegen, was eine sinnvolle Behandlung ist. Um diese Frage zu beantworten, haben die medizinischen Fachgesellschaften schon vor vielen Jahren Leitlinien entwickelt, die immer wieder überarbeitet werden. Sie sollen Ärzten und Patienten als Grundlage für gemeinsame Entscheidungen dienen. Am Beispiel Kreuzschmerz wird aber klar, dass es an der Umsetzung im Alltag hapert. Deshalb wollen wir gute Behandlungsmethoden, die wissenschaftlich begründet sind, stärker in die öffentliche Diskussion bringen und konkrete Empfehlungen erarbeiten. Als Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (kurz: AWMF) haben wir dazu die Initiative „Gemeinsam Klug Entscheiden“ gegründet. Den Startschuss zur Erarbeitung dieser konkreten Empfehlungen für Ärzte und Patienten haben wir in der vergangenen Woche auf der Delegiertenkonferenz der AWMF gegeben. Das ist die Versammlung der Vertreter aller 171 medizinischen Fachgesellschaften.

          Woher wissen Sie denn, bei welchen Krankheiten Patienten häufig falsch behandelt werden?

          Es gibt verschiedene Daten, auf die wir zurückgreifen können, wie die Gesundheitsberichterstattung des Bundes und der Länder. In Deutschland gibt es zudem seit mehreren Jahren für bestimmte medizinische und pflegerische Bereiche eine gesetzliche Verpflichtung zur Qualitätssicherung.

          Ruhig mal auf’s Röntgen verzichten: Ina Kopp ist Medizinerin in Marburg
          Ruhig mal auf’s Röntgen verzichten: Ina Kopp ist Medizinerin in Marburg : Bild: AWMF

          Wie sieht das genau aus?

          Krankenhäuser sind zusätzlich verpflichtet, Buch darüber zu führen, wie häufig bestimmte Leistungen in ihrem Haus angewandt werden. Das sind für uns erste Hinweise. Trotzdem müssen wir uns diese Daten noch einmal genau anschauen. Nur weil eine bestimmte Behandlung in einer Klinik häufig genutzt wird, bedeutet das ja nicht gleich, dass auch eine Überversorgung vorliegt. Es kann sein, dass in diesem Haus einfach besonders viele Patienten mit einer bestimmten Krankheit oder bestimmten besonderen Belastungen behandelt werden. Darüber hinaus gibt es verschiedene Institutionen und Gruppen, die sich mit der medizinischen Versorgungsforschung beschäftigen oder Studien in diesem Bereich durchführen. Allerdings wird man für viele Erkrankungen keine aussagekräftigen Daten finden. Hier sind dann die Mitglieder der Fachgesellschaften und Organisationen, die an den Empfehlungen mitarbeiten, mit ihrer Praxiserfahrung die beste Informationsquelle.

          Wie kann eine solche Behandlungsempfehlung, die Sie nun erarbeiten wollen, dann konkret aussehen?

          Das kommt darauf an. Es können bestimmte Leistungen empfohlen werden oder komplexe Versorgungsangebote oder ein leichterer Zugang zur Versorgung wie beispielsweise für depressive Patienten, die häufig sehr lange auf eine Behandlung beim Psychiater oder Psychologen warten müssen. Es können aber auch Empfehlungen sein, eine Therapieoption eher zu unterlassen oder etwas häufiger zu tun.

          Wie sollte dann jemand mit Kreuzschmerz behandelt werden?

          Bei diesem Beispiel würde man wohl empfehlen, auf ein Röntgenbild eher zu verzichten. Stattdessen sollte man möglichst früh ein vielschichtiges Therapieangebot machen, wenn die Schmerzen chronisch werden. So kann es zum Beispiel wichtig sein, dass ein psychotherapeutischer Schmerzspezialist an der Behandlung mitwirkt, wenn sich der Schmerz schon sehr intensiv im Gedächtnis des Patienten eingebrannt hat. Wenn Patienten beispielsweise in ländlichen Gebieten zu lange auf ein solches Angebot warten müssen, wollen wir die Politik auch dazu aufrufen, die notwendige Versorgung in diesen Bereichen bereitzustellen.

          Sie sagen auch, dass finanzielle Anreize bei der Wahl der Behandlungsmethode oft eine große Rolle spielen. Was bedeutet das?

          Ärzte sehen sich zunehmend genötigt, wirtschaftlich zu handeln. Unser Gesundheitssystem belohnt den Mediziner, der viel Konkretes unternimmt, und nicht denjenigen, der sich seinen Patienten in einem längeren Gespräch zuwendet oder sie zum Beispiel dazu motiviert, etwas an ihrem Lebensstil zu ändern. Unsere Herausforderung bei „Gemeinsam Klug Entscheiden“ wird es sein, Empfehlungen, die wissenschaftlich begründet, aber wirtschaftlich unpopulär sind, stärker durchzusetzen. Umso wichtiger ist es für uns, diese Empfehlungen klug auszuwählen und bei Entscheidungs- und Kostenträgern Vertrauen zu schaffen. Denn wir brauchen die Unterstützung der Krankenkassen und der Politik.

          Wie sollen die Empfehlungen eines Tages bei den Patienten ankommen?

          Die wichtigsten Informationen sollen zum Beispiel in Broschüren zusammengefasst werden, die dann in Wartezimmern liegen - und zwar so, dass ein Laie sie auch versteht.

          Außerhalb des Wartezimmers kann der Patient dann aber diese Informationen nicht finden? Je früher er sich auf das Gespräch mit dem Arzt vorbereiten kann, umso sinnvoller ist das doch.

          Die Patienteninformationen soll es selbstverständlich auch online geben, zum Beispiel über die AWMF-Website und die Websites der medizinischen Fachgesellschaften.

          Wann kann der Patient diese ersten Broschüren erwarten?

          Da kann ich mich zu diesem frühen Zeitpunkt leider noch nicht festlegen. Bis Oktober sollen die ersten Empfehlungen erarbeitet werden. Im Anschluss sollen dann die Broschüren für die Patienten entstehen.

          Zu welchen Krankheitsbildern soll es die ersten Empfehlungen geben?

          Wir haben erst einmal vier im Blick. Da ist der Husten. Hier werden zu oft Antibiotika verschrieben, die gar nichts bringen. Dann wie schon erwähnt die Depression. Bei diesem Krankheitsbild muss die Versorgung verbessert werden. Dann schauen wir noch auf die Rückenschmerzen. Als Viertes entwickeln wir Empfehlungen zu der koronaren Herzerkrankung.

          Sind solche allgemeingültige Handlungsempfehlungen für die Behandlung von Krankheiten denn überhaupt sinnvoll? Schließlich ist jeder Patient anders und braucht dementsprechend auch eine individuelle Behandlung.

          Das ist absolut richtig, und natürlich sind die Handlungsempfehlungen nicht so zu verstehen, dass ein Arzt sich blind daran halten soll. Wir wollen aber auf häufige Versorgungsprobleme aufmerksam machen, Empfehlungen zu ihrer Behebung anbieten und erreichen, dass Ärzte und Patienten darüber sprechen. Welche Vorgehensweise im Einzelfall sinnvoll ist, kann nur im gemeinsamen Gespräch zwischen Arzt und Patient ermittelt werden.

          Die Idee zu Ihrer Initiative kommt ursprünglich aus den Vereinigten Staaten. Dort haben Ärzte 2012 die Initiative „Choosing Wisely“ gegründet. Was haben Sie sich dort abgeschaut?

          In den Vereinigten Staaten geben die einzelnen medizinischen Fachgesellschaften seit etwa vier Jahren sogenannte Top-5-Listen mit nicht empfehlenswerten Behandlungen von bestimmten Krankheiten heraus. Der Unterschied bei uns ist, dass wir auch empfehlenswerte Behandlungen ansprechen, die zu selten angeboten werden, und dass wir uns nicht auf eine bestimmte Anzahl an Empfehlungen festlegen, sondern den Bedarf gezielt ermitteln. Vor allem arbeiten aber bei uns die Fachgesellschaften unter dem Dach der AWMF die Empfehlungen gemeinsam aus und stimmen sich beispielsweise mit Patientenvertretern ab. In den Vereinigten Staaten läuft die Ausarbeitung in der Regel nach Fachgesellschaften getrennt.

          Wer finanziert die Entwicklung und Überarbeitung der Empfehlungen in Deutschland?

          Der notwendige Rahmen für die Arbeit wird von den Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften finanziert. Die medizinischen Experten arbeiten ehrenamtlich. Das ist einerseits gut, weil wir dadurch von niemandem abhängig sind und uns nicht vorwerfen lassen müssen, von Dritten beeinflusst zu werden. Andererseits sind wir natürlich darauf angewiesen, dass sich immer genügend Kollegen finden, die bereit sind, einen Teil ihrer Freizeit zu opfern. Bisher funktioniert das aber gut.

          Zur Person

          Ina Kopp, 47 Jahre alt, leitet das Institut für Medizinisches Wissensmanagement der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF) mit Sitz in Marburg. In der AWMF sind 171 Fachgesellschaften aus allen Bereichen der Medizin zusammengeschlossen und beraten gemeinsam über fachübergreifende medizinische Fragen.

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