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Ärzte gegen Falschbehandlung : Nur so viel wie nötig

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Sie sagen auch, dass finanzielle Anreize bei der Wahl der Behandlungsmethode oft eine große Rolle spielen. Was bedeutet das?

Ärzte sehen sich zunehmend genötigt, wirtschaftlich zu handeln. Unser Gesundheitssystem belohnt den Mediziner, der viel Konkretes unternimmt, und nicht denjenigen, der sich seinen Patienten in einem längeren Gespräch zuwendet oder sie zum Beispiel dazu motiviert, etwas an ihrem Lebensstil zu ändern. Unsere Herausforderung bei „Gemeinsam Klug Entscheiden“ wird es sein, Empfehlungen, die wissenschaftlich begründet, aber wirtschaftlich unpopulär sind, stärker durchzusetzen. Umso wichtiger ist es für uns, diese Empfehlungen klug auszuwählen und bei Entscheidungs- und Kostenträgern Vertrauen zu schaffen. Denn wir brauchen die Unterstützung der Krankenkassen und der Politik.

Wie sollen die Empfehlungen eines Tages bei den Patienten ankommen?

Die wichtigsten Informationen sollen zum Beispiel in Broschüren zusammengefasst werden, die dann in Wartezimmern liegen - und zwar so, dass ein Laie sie auch versteht.

Außerhalb des Wartezimmers kann der Patient dann aber diese Informationen nicht finden? Je früher er sich auf das Gespräch mit dem Arzt vorbereiten kann, umso sinnvoller ist das doch.

Die Patienteninformationen soll es selbstverständlich auch online geben, zum Beispiel über die AWMF-Website und die Websites der medizinischen Fachgesellschaften.

Wann kann der Patient diese ersten Broschüren erwarten?

Da kann ich mich zu diesem frühen Zeitpunkt leider noch nicht festlegen. Bis Oktober sollen die ersten Empfehlungen erarbeitet werden. Im Anschluss sollen dann die Broschüren für die Patienten entstehen.

Zu welchen Krankheitsbildern soll es die ersten Empfehlungen geben?

Wir haben erst einmal vier im Blick. Da ist der Husten. Hier werden zu oft Antibiotika verschrieben, die gar nichts bringen. Dann wie schon erwähnt die Depression. Bei diesem Krankheitsbild muss die Versorgung verbessert werden. Dann schauen wir noch auf die Rückenschmerzen. Als Viertes entwickeln wir Empfehlungen zu der koronaren Herzerkrankung.

Sind solche allgemeingültige Handlungsempfehlungen für die Behandlung von Krankheiten denn überhaupt sinnvoll? Schließlich ist jeder Patient anders und braucht dementsprechend auch eine individuelle Behandlung.

Das ist absolut richtig, und natürlich sind die Handlungsempfehlungen nicht so zu verstehen, dass ein Arzt sich blind daran halten soll. Wir wollen aber auf häufige Versorgungsprobleme aufmerksam machen, Empfehlungen zu ihrer Behebung anbieten und erreichen, dass Ärzte und Patienten darüber sprechen. Welche Vorgehensweise im Einzelfall sinnvoll ist, kann nur im gemeinsamen Gespräch zwischen Arzt und Patient ermittelt werden.

Die Idee zu Ihrer Initiative kommt ursprünglich aus den Vereinigten Staaten. Dort haben Ärzte 2012 die Initiative „Choosing Wisely“ gegründet. Was haben Sie sich dort abgeschaut?

In den Vereinigten Staaten geben die einzelnen medizinischen Fachgesellschaften seit etwa vier Jahren sogenannte Top-5-Listen mit nicht empfehlenswerten Behandlungen von bestimmten Krankheiten heraus. Der Unterschied bei uns ist, dass wir auch empfehlenswerte Behandlungen ansprechen, die zu selten angeboten werden, und dass wir uns nicht auf eine bestimmte Anzahl an Empfehlungen festlegen, sondern den Bedarf gezielt ermitteln. Vor allem arbeiten aber bei uns die Fachgesellschaften unter dem Dach der AWMF die Empfehlungen gemeinsam aus und stimmen sich beispielsweise mit Patientenvertretern ab. In den Vereinigten Staaten läuft die Ausarbeitung in der Regel nach Fachgesellschaften getrennt.

Wer finanziert die Entwicklung und Überarbeitung der Empfehlungen in Deutschland?

Der notwendige Rahmen für die Arbeit wird von den Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften finanziert. Die medizinischen Experten arbeiten ehrenamtlich. Das ist einerseits gut, weil wir dadurch von niemandem abhängig sind und uns nicht vorwerfen lassen müssen, von Dritten beeinflusst zu werden. Andererseits sind wir natürlich darauf angewiesen, dass sich immer genügend Kollegen finden, die bereit sind, einen Teil ihrer Freizeit zu opfern. Bisher funktioniert das aber gut.

Zur Person

Ina Kopp, 47 Jahre alt, leitet das Institut für Medizinisches Wissensmanagement der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF) mit Sitz in Marburg. In der AWMF sind 171 Fachgesellschaften aus allen Bereichen der Medizin zusammengeschlossen und beraten gemeinsam über fachübergreifende medizinische Fragen.

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