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Porträt : Eine Region meldet sich krank

  • -Aktualisiert am

360.000 Menschen infizierten sich im vergangenen Jahr in Osteuropa Bild: AP

Die kasachische Stadt Temirtau gilt als Zentrum der Aids-Epidemie in Zentralasien. Die Geschichte eines Erkrankten.

          Wenn Narben Geschichten erzählen könnten, wäre Alexander Paskos Körper ein dickes Buch. Sie sind überall: Dünn und in einer Reihe auf Armen und Beinen, vereinzelt, wie zufällig gesetzt, auf dem Kopf und auf seinem Rücken. Sie erzählen von einem Leben, das er mehr als vier Jahre am Abgrund gelebt hatte. Von Drogensucht und Verzweiflung. Von mehreren Suizidversuchen und absichtlichen Verstümmelungen.

          Einmal an Ostern - in welchem Jahr, weiß der Sechsundzwanzigjährige nicht mehr - feierte er mit Freunden. Irgendwann stand er auf einem Tisch, in der Hand ein Glas seines Blutes, das er mit den Worten „Christus ist auferstanden“ zum Mund führte, um es auszutrinken. Das hat er einer lokalen Zeitung erzählt. Heute ist ihm das peinlich.

          „Ich wollte leben“

          „Damals war ich ziemlich verrückt.“ Und so gibt sein vernarbter Körper auch Zeugnis von einer Vergangenheit, die er hinter sich gelassen hat. Vor fünf Jahren, nachdem der Zwanzigjährige erfahren hatte, daß er HIV-positiv ist, änderte er sein Leben. „Eines Morgens wachte ich auf und dachte mir: ,Was tust du da eigentlich?' Mir wurde klar, daß ich leben wollte.“

          Aids ist in Osteuropa und Zentralasien angekommen. Nach Angaben des UN-Kinderhilfswerks Unicef verbreitet sich das Virus dort schneller als irgendwo sonst auf der Welt. Achtzig Prozent der Neuinfizierten sollen unter 30 Jahre alt sein. Damit ist Aids für junge Leute zum Gesundheitsproblem Nummer eins geworden. Defizite sieht Unicef vor allem bei der Aufklärung. Nur jede zehnte junge Frau in Tadschikistan etwa habe überhaupt schon einmal von der Krankheit gehört. Nach Angaben des kasachischen Regierungsbüros zum Kampf gegen das Virus (RCA) benutzen nur 30 Prozent der unter Fünfundzwanzigjährigen ein Kondom.

          Ground Zero der Epidemie

          Alexander Pasko ist einer von 1.107 offiziell registrierten HIV-Positiven im kasachischen Temirtau, 200Kilometer südlich der Hauptstadt Astana. RCA nimmt jedoch an, daß ihre Zahl fünf- bis zehnmal höher liegt - und das sei auch im ganzen Land so. Weil Ende der neunziger Jahre in der heruntergekommenen Industriestadt Temirtau mehr als drei Viertel aller kasachischen HIV-Positiven lebten, wird sie auch „Ground Zero der Aids-Epidemie in Zentralasien“ genannt.

          Inzwischen jedoch hat sich in Kasachstan, wie in fast allen Ländern der Region, der Übertragungsweg geändert: Mit HIV infizieren sich nicht mehr in der Mehrheit Rauschgiftsüchtige, die sich immer wieder mit derselben Nadel Heroin oder andere Opiate spritzen, sondern Menschen, die ungeschützt Sex haben.

          Gesellschaft der Ausgestoßenen

          Alexander Pasko ist von seiner Sucht losgekommen. Eine Selbsthilfegruppe hat ihm vor sieben Jahren geholfen. Daraus wurde 1998 die regierungsunabhängige Organisation Schapagat, die mit Spenden aus dem Westen finanziert wird. Schapagat verteilt Spritzen und Kondome und klärt in Schulen und Vereinen auf. Pasko ist einer von sieben Sozialarbeitern. Er besucht Wohnungen, in denen Süchtige leben oder sich treffen, und geht zum Straßenstrich der Stadt. Wer ihn bei seiner Arbeit begleitet, merkt schnell, daß er sich in dieser „Gesellschaft der Ausgestoßenen“, wie er sie nennt, frei bewegt, ohne sich fremd zu fühlen.

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