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Pocken : Schon die Wikinger litten unter einem Virus

Forscher entdeckten auf der schwedischen Insel Öland ein ursprünglich mit Pocken infiziertes Wikinger-Skelett. Bild: © The Swedish National Heritage Board

Allein im 20. Jahrhundert soll das Pockenvirus rund eine halbe Milliarde Menschen getötet haben. Forscher haben es nun in 1400 Jahre alten Skeletten wiederentdeckt.

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          Kaum ein Virus war für den Menschen tödlicher als das vor 40 Jahren ausgerottete Pockenvirus. Allein im 20. Jahrhundert sollen noch bis zu eine halbe Milliarde Menschen an der Infektionskrankheit gestorben sein. Auch wenn die Wissenschaft davon ausgeht, das es Pocken schon seit Tausenden von Jahren gibt – unter anderem eine der zehn biblischen Plagen, über die das Alte Testament berichtet, werden mit der auch Blattern genannten Krankheit in Verbindung gebracht –, ließ sich das Virus bisher genetisch nur etwa 360 Jahre zurückverfolgen. Wissenschaftler der Charité in Berlin sowie der Universitäten von Cambridge und von Kopenhagen ist es nun gelungen, das Pockenvirus in Skeletten aus der Wikingerzeit vor rund 1400 Jahren nachzuweisen. Damit ist auch die These widerlegt, die Pocken seien erst im Mittelalter von zurückkehrenden Kreuzrittern nach Mittel- und Nordeuropa gebracht worden. Vielmehr zirkulierte das Virus schon spätestens seit dem Ende der Wikingerzeit weitflächig in Europa, wie der Bioinformatiker Terry Jones vom Institut für Virologie am Campus Charité Mitte am Freitag berichtete.

          Peter-Philipp Schmitt

          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Für ihre Analyse untersuchten die Forscher nicht nur Skelette aus der Wikingerzeit, sondern auch die sterblichen Überreste von wesentlich älteren Personen. Insgesamt lag den Wissenschaftlern das Erbgut von 1867 Skeletten vor, die zwischen 150 und an die 31.630 Jahre alt waren und aus dem europäisch-asiatischen und amerikanischen Raum stammten. In 13 Fällen gelang es, aus Zähnen oder einem Teil des Schläfenbeins der Verstorbenen DNA-Fragmente des menschlichen Pockenvirus anzureichern. Elf der Personen lebten demnach zwischen 600 und 1050 nach Christus, ihre sterblichen Überreste waren in Wikinger-Grabstätten in Dänemark, Norwegen, Schweden, Russland und England gefunden worden.

          Einige der Proben seien so gut erhalten gewesen, dass die komplette Sequenz des Virus-Erbguts am Computer rekonstruiert werden konnten. Dabei zeigte sich nach Charité-Angaben, dass sich das Pockenvirus, das zu Zeiten der Wikinger zirkulierte, wesentlich vom Variolavirus des 20. Jahrhunderts unterschied. Das nun entdeckte Virus ähnelte eher den Pockenviren, die noch heute in Kamelen und Rennmäusen zirkulieren. „Wir hatten nicht mit einer solchen genetischen Diversität des menschlichen Pockenvirus gerechnet“, so Jones. Die noch immer zirkulierenden Tierpockenviren könnten sich also ähnlich weitgefächert entwickelt haben. „Wir sollten die Tierpockenviren in Zukunft deshalb besser im Blick behalten.“

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