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Pflegeheim-TÜV : Missstände können von den Heimen gut verschleiert werden

  • -Aktualisiert am

Qualitätsprüfung in einem Wuppertaler Pflegeheim Bild:

Seit drei Monaten werden Pflegeheime benotet. Das Ziel: bessere Qualität und mehr Transparenz. Doch der „Pflege-TÜV“ zeigt ein geschöntes Bild. Lediglich zwölf von 700 untersuchten Heimen schnitten „mangelhaft“ ab.

          „Meine Mutter bewohnt eine Einliegerwohnung in unserem Haus“, berichtet die erwachsene Tochter. „Früher hatte ich mir immer vorgenommen, sie im Alter zu pflegen. Bei der Finanzierung unseres Hauses hat sie uns deshalb stark unterstützt. Seit einem Jahr leidet sie an Demenz, und die Verantwortung für sie überfordert mich, obwohl wir von einem Pflegedienst unterstützt werden. Ich würde meine Mutter am liebsten in ein Heim geben, obwohl sie das nie wollte.“

          Ab ins Heim. Für rund 680.000 von insgesamt 2,13 Millionen pflegebedürftigen alten Menschen in Deutschland ist es die ultimative, wenn auch häufig bis zum letzten Moment aufgeschobene Lösung. Einen untadeligen Ruf haben nicht sehr viele dieser Einrichtungen. Immer wieder wird darüber berichtet, dass Bettlägerige mit Bauchgurt fixiert sind oder unter Druckgeschwüren leiden. Oder dass generell zu häufig Beruhigungsmittel verabreicht werden. Nun soll alles besser werden: Mit dem „Gesetz zur strukturellen Weiterentwicklung der Pflegeversicherung“ vom Mai 2008 wurde angeordnet, alle 10.400 Pflegeeinrichtungen hierzulande systematisch überprüfen zu lassen. Die Qualität der dort geleisteten Betreuung soll für Pflegebedürftige und auch für deren Angehörige verständlich und vergleichbar im Internet und auch per Aushang in den Heimen selbst zugänglich gemacht werden. Die Noten reichen von 1 (sehr gut) bis 5 (mangelhaft). Mit dem Begriff „Pflege-TÜV“ wurde eine griffige Bezeichnung gefunden, und Gesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) sicherte ihm höchste Priorität zu. Mit entsprechendem Aplomb wurde das Projekt gestartet. K.-Dieter Voß, Vorstand im Spitzenverband der Gesetzlichen Krankenkassen (GKV), sprach Ende Juni optimistisch von einer „Qualitätsoffensive“ und fügte hinzu: „So viel Transparenz, wie jetzt entsteht, gab es in diesem Bereich noch nie.“

          Prüfkriterien erweisen sich als unzulänglich

          Davon ist bislang wenig zu erkennen. Seit nunmehr drei Monaten ziehen unangemeldete Teams des Medizinischen Dienstes der Krankenversicherung (MDK) mit insgesamt 360 Prüfern von Flensburg bis Konstanz durch die Heime, das Klemmbrett unterm Arm und einen Fragenkatalog mit 82 Kriterien im Kopf. Doch das Ergebnis lässt auf sich warten - abgesehen von einem Zwischenbericht, der vor zwei Tagen veröffentlicht wurde und ergab, von bisher 700 Einrichtungen hätten lediglich 73 ein „ausreichend“ und zwölf ein „mangelhaft“ bescheinigt bekommen. Wer sich auf der Website www.pflegenoten.de informieren will, wird weiterhin vertröstet: „Zur Zeit liegen noch keine Veröffentlichungen vor.“ Immerhin erfährt er, welches Gesetz die Veröffentlichung vorschreibt: nämlich Paragraph 115 Abs. 1a im Sozialgesetzbuch XI.

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