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Pflege von Angehörigen : Ich muss ihr doch dankbar sein

Eine ständige Anklage: Du bist ja immer nur zehn Minuten da! Bild: senior images RF

Seit Jahren pflegt die Tochter ihre stark hilfsbedürftige Mutter. Viermal täglich geht sie zu ihr. Recht machen kann sie es ihr nie, aber Aufgeben kommt nicht in Frage.

          Sie weiß schon, was sie erwartet, wenn sie nachmittags, nach einer Pause von maximal zweieinhalb Stunden, wieder zu ihr geht. Die Heizung auf Hochtouren, der Fernseher so laut, als solle ein ganzes Altersheim beschallt werden. Die Jalousien sind heruntergelassen. Kaum Licht. Der Lärm. Stickige Hitze. Sie weiß, dass sie es unerträglich finden wird. Und trotzdem. Während die Tochter den Schlüssel in die Tür dieses Hauses steckt, das ihr manchmal vorkommt wie der Käfig ihres Lebens, ist sie plötzlich voller Sorge. Ihre Mutter wird in ihrem Lieblingssessel sitzen, den kleinen Kopf mit den weißen Haaren nach hinten gestreckt. Wahrscheinlich schläft sie nur. Aber erst wenn die Tochter ein leises Schnarchen hört, wird sie Gewissheit haben: „Sie ist noch da.“

          Julia Schaaf

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Viermal täglich geht sie zu ihr. Morgens bringt sie das Frühstück, legt frische Kleider raus und hilft beim Anziehen der Strümpfe. Vormittags stellt sie das Essen in die Mikrowelle, das ihr Mann gekocht hat. Nachmittags räumt sie das Geschirr wieder weg und sitzt nur ein bisschen dabei. Abends Schnittchen. Sie kontrolliert den Kühlschrank, damit keine Lebensmittel verderben. Sie prüft, ob die Mutter ihre Tabletten nimmt. Sie assistiert beim Toilettengang und entsorgt die Windeln, die trotzdem inzwischen nötig sind. Wäsche. Körperpflege. Aufräumen. Frische Blumen. Medikamente besorgen. Arztbesuche.

          „Es ist alles falsch“

          Und dann klagt die Mutter: „Was tut ihr denn schon für mich?“

          Manchmal fragt die Tochter: „Na, hast du denn schön Kaffee getrunken?“ Und die Mutter zischt sie an: „Was du wieder hast!“

          Gelegentlich versucht es die Tochter mit Argumenten: „Mutti, guck mal, du hast ja immer noch die gleiche Hose an. Die muss ich jetzt aber wirklich mal waschen!“ Die Antwort der Mutter kommt schneidend: „Nein! Jetzt nicht!“

          Die Mutter beschwert sich über die falsche Tischdecke. Sie mäkelt am Essen herum. Oder sie sagt gleich: „Ich hab’ dir früher den Arsch gewischt, also kannst du mir heute den Arsch wischen. Das ist deine Pflicht.“

          Wenn sie dann behauptet, „ich mach ja noch alles allein“, platzt der Tochter der Kragen.

          Viermal am Tag geht sie nach Hause und klagt ihrem Mann ihr Leid. Sie sagt: „Ich kann machen, was ich will. Es ist nie genug. Und es ist alles falsch.“

          Dreißig Meter Distanz, mehr nicht

          Die Pflege der eigenen Eltern ist immer eine Belastung, die zunimmt, je länger sie währt und desto umfassender sie wird. Eine weitere Bürde ist weniger offensichtlich: Spätestens jetzt holt einen die Beziehung zur Mutter, zum Vater wieder ein. „Da kommt man nicht drum herum“, sagt Gabriele Tammen-Parr, Gründerin der Berliner Beratungsstelle „Pflege in Not“. Gerade in den allernächsten Familienbeziehungen gibt es Spannungen, und Pflege bedeutet zwangsläufig: Man kann nicht mehr ausweichen. Den Gefühlen. Konflikten. Der gemeinsamen, oft komplizierten Geschichte. Dann reicht ein Satz, eine hochgezogene Augenbraue – „das kann einen rasend machen“, sagt Tammen-Parr, „es wird gedroht, geschrien, entwertet und geschlagen“. Vier von fünf pflegenden Angehörigen, die sich an ihre Beratungsstelle wenden, kämpfen mit Aggressionen.

          Nur ein paar Schritte liegen zwischen dem Reich der Mutter und dem schmucken Bungalow, den die Tochter vor Jahrzehnten auf das Grundstück ihrer Eltern gebaut hat. Wenn die Mutter im Sommer auf der Terrasse sitzt und Vögel beobachtet, schaut sie zwangsläufig über den gemeinsamen Garten zum Wohnzimmer der Tochter. Architektur gewordene Beziehung, dreißig Meter Distanz, mehr nicht. Sie hat die Tochter im Blick. Man könnte auch sagen: Sie hat sie im Griff.

          Eine ständige Anklage

          „Meine Mutter hat nie losgelassen“, sagt die Tochter. Und: „Man bleibt zu jeder Zeit die Tochter. Und zwar das Kind.“

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