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Pestizide in Schnittblumen : Liebesgrüße aus Chlorthalonil

  • -Aktualisiert am

„Importierte Blumen werden von niemandem kontrolliert“

Die Liste der in Deutschland verbotenen Pestizide ist lang, die in Entwicklungsländern eher kurz. Dabei nimmt nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) vor allem der Gebrauch in Entwicklungs- und Schwellenländern zu. Im Gegensatz zu Pestiziden in Obst, Gemüse und Futterpflanzen existieren für Zierpflanzen in Deutschland keine Höchst- oder Grenzwerte für Rückstände. Kontrollen sind Ländersache. Meist werden die Schnittblumen zu den Lebensmitteln gezählt.

In Nordrhein-Westfalen etwa ist die Landwirtschaftskammer in Bonn zuständig. In Hamburg das Pflanzenschutzamt. Die Kammer in Bonn kontrolliert jedoch bei den Betrieben in Nordrhein-Westfalen nur, ob sie ordnungsgemäß arbeiten. „Importierte Blumen werden in Deutschland von niemandem kontrolliert“, sagen die Sprecher der Behörde in Bonn und des Amtes in Hamburg. „Wir fordern von der EU, künftig alle eingeführten Blumen auf Pestizid-Rückstände zu prüfen. Die Ware soll zurückgeschickt werden, wenn die Vorgaben nicht eingehalten werden“, sagt Vorneweg. „Zudem sollte es Pflicht sein, ihr Herkunftsland anzugeben.“

Der Anteil fair gehandelter Blumen bei einem Prozent

Die Ergebnisse der Umwelt- und Menschenrechtsorganisationen sind allerdings nicht unumstritten. Branchenverbände wie der Fachverband Deutscher Floristen bedauern Einzelfälle, verwahren sich aber gegen einen Generalverdacht und verweisen auf das Bundesinstitut für Risikobewertung. Die Behörde hat 2010 mögliche gesundheitliche Risiken von Schnittblumen aus europäischer Produktion sowie aus den wichtigsten Exportländern bewertet. Demnach geht von den in Deutschland gehandelten Schnittblumen kein gesundheitliches Risiko für Blumenhändler oder gar Verbraucher aus.

„In Deutschland sollte es dennoch nur noch erlaubt sein, Blumen zu kaufen, die bestimmte soziale und ökologische Kriterien erfüllen“, sagt Vorneweg von FIAN. Zertifizierte Betriebe, meist große, exportorientierte Farmen mit Abnehmern in Europa, Amerika und Japan, müssen strenge Auflagen einhalten. Organisationen wie FLP (“Flower Label Program“) oder Fairtrade legen Standards für die Pflanzenproduktion fest, die von unabhängigen Kontrolleuren überprüft werden. So garantiert FLP auf jeder seiner derzeit 48 Farmen in sechs Ländern feste Arbeitsverträge, angemessene Löhne und ein Verbot von Kinderarbeit.

Die bestehenden Schutzsiegel geben aber in vielen Fällen keine Garantie für den Verzicht auf Pflanzenschutzgifte, hat „Öko-Test“ herausgefunden. So entpuppten sich Zertifikate wie „Flower Label Program“ oder „Fair Flowers Fair Plants“ (FFFP) laut dem Verbrauchermagazin „mehr oder weniger als Papiertiger“. Pestizide, die in Europa nicht verwendet werden dürfen, sind auf Listen von FLP und FFFP als erlaubt aufgeführt. Auch das „Umweltprogramm Zierpflanzen“ (MPS-Standard) der niederländischen Blumenindustrie gibt keine sichere Auskunft über die verwendeten Gifte. Der Standard schließt 56 Substanzen nicht aus, die von „Öko-Test“ und Greenpeace als „hoch gefährlich“ eingestuft werden. In der Liste stehen nur Stoffe, die ohnehin nicht mehr verwendet werden. Aber selbst wenn die Kriterien strenger wären: So kritisch viele deutsche Verbraucher sind - der Anteil fair gehandelter Blumen liegt ohnehin nur bei einem Prozent.

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