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Patientenverfügung : Soll er etwa verdursten?

Wann ist ein Leben angesichts der Möglichkeiten moderner Medizin noch lebenswert? Bild: dapd

Wird jemand zum Pflegefall, muss oft die Frage nach lebensverlängernden Maßnahmen geklärt werden. Das ist nicht leicht - selbst mit einer Patientenverfügung.

          7 Min.

          Thorsten Kipp* hatte mit seinem Vater vor der Operation am Gehirn alles genau besprochen. Der Sohn kannte den Willen seines Vaters. Er wusste, was sein Vater will, falls bei dem schweren Eingriff etwas schieflaufen und sich der Vierundachtzigjährige von seiner Erkrankung nicht mehr erholen sollte. Keine Ernährung über Schläuche. Keine Wiederbelebungsversuche. Keine künstliche Verlängerung des Lebens.

          Lucia Schmidt

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Einige Tage vor der Operation unterzeichneten Vater und Sohn eine Vorsorgevollmacht. Thorsten Kipp durfte nun, falls sein Vater nicht mehr selbst über sein Leben bestimmen konnte, an seiner Stelle über Therapieverfahren und Untersuchungen entscheiden, den Einsatz moderner Apparatemedizin ablehnen oder zulassen. Den Willen seines Vaters vor Ärzten und Pflegern vertreten. Auf eine Patientenverfügung, in der der Vater seine Wünsche schriftlich festhielt, verzichteten die beiden. Der Vater vertraute seinem Sohn, und dieser vertraute darauf, dass schon alles gutgehen würde, und wenn nicht, dann würde er ja wissen, wie er zu entscheiden hätte.

          Es ging nicht gut. Nach der Operation entwickelten sich Komplikationen bei dem Vierundachtzigjährigen. Er musste noch einmal operiert werden. Er konnte nicht mehr sprechen, und was er von seiner Umwelt noch wahrnahm, wusste niemand. Bald wurde er als nicht weiter therapierbar aus der Intensivstation entlassen und in eine Reha verlegt.

          Künstliche Beatmung alle vier Wochen auf den Prüfstand

          Die Abwehr des kranken Körpers schwächelte. Er bekam eine Lungenentzündung. Als das Thermometer vierzig Grad Fieber anzeigte und Kipps Vater wiederholt in die Notaufnahme eines Krankenhauses eingeliefert wurde, fragten die Ärzte Kipp, was sie tun sollten? Thorsten Kipp wusste, dass sein Vater nicht künstlich am Leben gehalten werden wollte. Aber wo fing das an, und wo verwehrte er ihm eine lebensrettende Behandlung? Kipp fühlte sich hilflos und ließ sich schließlich von den Ärzten doch für eine Magensonde bei seinem Vater überzeugen. Eine Lungenentzündung mit hohem Fieber, so nahm er an, sei eine therapierbare Komplikation. Und wenn sein Vater eine Magensonde benötigte, um über diese notwendige Medikamente zu erhalten, dann wollte er ihm sie nicht vorenthalten. Die Hoffnung, dass sich doch noch alles zum Guten wendet, bestimmte sein Handeln. Über die Tragweite seiner Entscheidung war er sich in diesem angespannten Moment nicht bewusst. Übernehme man die Verantwortung für einen kranken Angehörigen, kämen jeden Tag Entscheidungen auf einen zu. Mal große, mal kleine. Ein Schritt folge auf den anderen, resümiert Kipp.

          Als sein Vater ein weiteres Mal als „austherapiert“ aus dem Krankenhaus entlassen und in ein Pflegeheim verlegt wurde, wurde Kipp klar, dass er die Fäden, den Willen seines Vaters respektiert zu wissen, nicht mehr in der Hand hielt. „Die Einlieferung ins Pflegeheim war eine Niederlage für uns beide. Ich wusste, dass mein Vater es nie gewollt hätte“, sagt Kipp.

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