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Patientenverfügung : Soll er etwa verdursten?

Die Puzzleteile zusammensetzen

Sie fütterte ihn jeden Tag dreimal. Weil er aber nur noch mühsam schlucken konnte, gab sie ihm auch noch Nahrung über eine Sonde, zeitweise ließ sie bis zu drei Liter Flüssigkeit in die Haut ihres Mannes laufen. Ihr war klar, dass das nicht dem Willen ihres Mannes entsprach, sie machte trotzdem weiter. Sie habe die Situation einfach nicht überblickt, sei alleine und überfordert gewesen, beschreibt sie später. Einen behandelnden Arzt, der den Krankheitsprozess begleitete und die Situation überblickte, gab es nicht. Zu keinem traute sie sich zu sagen: „Ich glaube, mein Mann will sterben.“ Zu groß war die Befürchtung, man könne glauben, sie wolle ihn loswerden.

Über eine Bekannte lernte auch Franka Ott Elisabeth Lohmann und ihr Team kennen. Beim ersten Besuch bei den Otts fragte Lohmann nach einer Patientenverfügung. Niemand hatte bis zu diesem Zeitpunkt danach gefragt. Was ihr Mann gewollte hätte, könnte er sich noch äußern, spielte bei der Behandlung bislang keine Rolle.

Gibt es keinen schriftlich festgehaltenen Willen und keine Vollmacht, muss der mutmaßliche Patientenwillen mit Hilfe einer ethischen Beratung ermittelt werden. Palliativteams wie das des Hochtaunuskreises bieten solche Beratungen an. Auch Franka Ott rang sich dazu durch. Mit Hilfe einer solchen Beratung wollte sie entscheiden, was ihr Mann alleine nicht mehr entscheiden konnte.

Elisabeth Lohmann erkundigte sich bei alten Freunden, Arbeitskollegen und den behandelnden Ärzten von Walter Ott nach deren Einschätzung der Situation. Wie hatte sich Walter Ott früher zu solchen Fällen geäußert? Hatte er mal Wünsche angegeben? Wie war sein gesundheitlicher Zustand wirklich? Lohmann sammelte viele Puzzleteile zusammen, damit am Ende ein möglichst klares Bild von Walter Otts Willen entstand.

An einem Dienstag im Hochsommer versammelten sich Franka Ott, ihre Kinder und Enkel, Mitglieder des Palliativteams, ein unabhängiger Ethikberater und Walter Ott um einen großen Tisch im Haus der Familie. Walter Ott musste von seinem Sohn in seinem Rollstuhl an den Tisch geschoben werden. Frau Lohmann fasste alle Puzzleteile, die sie gesammelt hatte, zusammen. Walter Otts körperliche und seelische Verfassung kamen genauso auf den Tisch wie Äußerungen, die er über Tod und Sterben gemacht hatte. Walter Ott hörte aufmerksam zu. Jeder am Tisch konnte seine Eindrücke äußern. Dann musste ein Konsens gefunden werden. Was war Otts Willen? Der gebrechliche Mann saß friedlich dabei, als die Entscheidung fiel, die künstliche Ernährung zu beenden.

In den Tagen danach fütterte Franka Ott ihren Mann zwar noch, doch er aß kaum etwas. Sie bot im etwas zu trinken an, doch er hatte keinen Durst. Sie sprachen kaum noch miteinander, alles war gesagt. Sie waren einfach beieinander und warteten. Sie warteten auf den Tod. Zehn Tage nach dem Treffen am großen Tisch kam er.

Franka Ott weiß sicher, dass ihr Mann mit diesem Weg einverstanden war. Doch alleine hätte sie ihn nicht durchsetzten können, nicht ohne dass Elisabeth Lohmann ganz offen das Thema Sterben angesprochen hätte. Vielleicht hätte eine schriftliche Patientenverfügung es ihr einfacher gemacht, schon früher mit Ärzten darüber zu sprechen. Sicher ist sie sich da nicht.

Thorsten Kipp hat sich seit dem Tod seines Vaters viele Gedanken um die Frage gemacht, wann ein Leben noch lebenswert ist. Für sein eigenes hat er es festgelegt, in einer Patientenverfügung. Einem guten Freund hat er nach intensiven Gesprächen seine Vorsorgevollmacht übertragen. Er ist einer, dem Kipp zutraut, auch in emotionalen Momenten für seinen Willen zu kämpfen, der nicht nur unterschreibt, sondern auch umsetzt, sich seines Handelns sicher ist, auch wenn Zweifel aufkommen sollten - alles wichtige Eigenschaften, wenn man eine solche Verantwortung übernimmt, das hat Kipp selbst gemerkt.

Wie verfasse ich eine Patientenverfügung?

Für das Verfassen einer Patientenverfügung sollte man sich Zeit nehmen. Nicht alle Entscheidungen müssen an einem Tag fallen und formuliert werden. Beim Verfassen ist es wichtig, seine Vorstellungen konkret und detailliert zu benennen, damit kein Spielraum für die behandelnden Ärzte bleibt. Schwammige Formulierungen wie „keine Verlängerung des Sterbeprozesses“ sind zu ungenau. Neben dem schriftlichen Festhalten seiner Wünsche, sollte man mit der Person, der man seine Vorsorgevollmacht gibt, über den Inhalt der Patientenverfügung sprechen. Die bevollmächtigte Person muss kein Angehöriger sein. Man kann jeden, dem man vertraut und der in die Aufgabe einwilligt, benennen. Wer volljährig ist, darf eine Patientenverfügung verfassen. Auch junge Menschen sollten dies schon tun, denn gerade bei ihnen fallen Ärzten und Angehörigen Entscheidungen besonders schwer. Eine Patientenverfügung muss mit Datum und Unterschrift versehen sein. Wenn möglich kann man das Niedergeschriebene von jemanden gegengezeichnet lassen, der damit bezeugt, dass der Verfasser zurechnungsfähig war. Hierfür bietet sich beispielsweise der Hausarzt an. Seine Patientenverfügung sollte man regelmäßig darauf überprüfen, ob sie noch dem eigenen Willen entspricht. Am besten jemanden über den Aufbewahrungsort der Verfügung informieren oder an einem Ort platzieren, der leicht zu finden ist. Weitere Informationen unter: www.bjm.de, www.patientenverfuegung.de, www.bmg.bund.de

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