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Patientenverfügung : Soll er etwa verdursten?

Entscheidung gegen die moderne Medizin

Auch mit Thorsten Kipp redet Elisabeth Lohmann lange. Der Sohn wollte „eine automatische Fortsetzung des womöglich qualvollen Sterbeverlaufs auf jeden Fall unterbrechen“. Lohmanns Vorschlag, die Ernährung über die Magensonde einzustellen, rief bei ihm allerdings große Bedenken hervor, doch nach intensiven Beratungen mit dem Palliativteam entschloss er sich dazu. Von diesem Tag an bekam sein Vater nur noch das zu essen, was er über den Mund aufnehmen und schlucken konnte. Das war nicht viel. Zwei Wochen lebte er so. Dann sprach Lohmann Kipp auf die Inkonsequenz dieses Handelns an. Sein Vater hatte sich gegen eine Sonde ausgesprochen, bekam aber immer noch Flüssigkeit über Schläuche. Dem Vater das Wasser zu nehmen war die schwierigste aller Entscheidungen, sagt Kipp mit etwas zeitlichem Abstand. Immer wieder schwankte er zwischen Überzeugung und Schuldgefühl, wenn er seinen Vater im Bett liegen sah. Er besuchte ihn jeden Tag, und jeden Tag kämpfte er mit seinem Gewissen.

Nachdem die Flüssigkeitsgabe eingestellt wurde, ging alles ganz schnell. Nach wenigen Tagen ohne Wasser ist Thorsten Kipps Vater verstorben. Bis heute wird Kipps Stimme ernster, seine Stirn faltiger und sein Blick starr, wenn er über diese letzte Entscheidung spricht. Denn es sei zwar eine Entscheidung mit der Natur, aber gegen die moderne Medizin gewesen. Ein Dilemma. Das auch Lohmann sieht, denn je mehr lebensverlängernde Therapien die moderne Medizin bietet, umso bewusster müssen sie auf ihre Sinnhaftigkeit geprüft werden.

Thorsten Kipp ist sich sicher, dass er im Sinne seines Vaters gehandelt hat. Aber es waren schwere Schritte, und er hat sich anfangs von den behandelnden Ärzten oft alleingelassen gefühlt. Es hat ihm an Informationen gefehlt, manche Optionen kannte er gar nicht. Sonst hätte er vielleicht schon früher konsequenter so entschieden, wie es sich sein Vater gewünscht hatte.

Sie spürte, dass er nicht mehr leben wollte

Thorsten Kipp hatte zumindest eine Vorsorgevollmacht und den Segen seines Vaters. Franka Ott* hatte nichts in der Hand, als ihr Mann einen Schlaganfall erlitt. Von heute auf morgen konnte er nicht mehr gehen, nicht mehr sprechen, nicht mehr sehen, nicht mehr selbständig leben.

Nach kritischen Wochen im Krankenhaus kam Otts Mann in die Reha und dann als Pflegefall zurück nach Hause. Dort hat sie ihn mit der Unterstützung eines Pflegedienstes, gewaschen, gefüttert, umsorgt. Obwohl Walter Ott* sich beruflich mit ethischen Fragen in der Medizin auseinandergesetzt hatte, hatte er keine Patientenverfügung, kein Vorsorgevollmacht und keine expliziten Aussagen gemacht. Trotzdem wusste Franka Ott, dass er ein solches Leben nicht gewollt hätte.

Die Kommunikation mit ihrem Mann war schwierig, konkrete Fragen konnte Franka Ott mit ihm nicht mehr besprechen. Trotzdem fühlte sie sich ihrem kranken Mann nahe, sie spürte, dass er nicht mehr leben wollte, dass er über seinen Zustand verzweifelte. Doch statt ihren Impulsen nachzugehen, hörte sie auf den Rat von Medizinern, mit einigen von ihnen war sie befreundet. Ihre Ratschläge lauteten: „Gib ihm zu essen, damit er genügend Kraft für die nächste Reha bekommt. Er braucht Energie, um sich zu erholen.“

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