https://www.faz.net/-gum-7jikn

Patientenverfügung : Soll er etwa verdursten?

Doch nun drehte sich das Rad und war nur noch schwer zu stoppen. Ging es dem Vater schlecht, wurde im Pflegeheim ein Arzt geholt, der ihn wieder aufpäppelte. Zeigte er neue Symptome, wurde die Arznei gewechselt. Ob die zahlreichen Medikamente, die er jeden Tag bekam, ihm auch wirklich nutzten, überprüfte niemand. Die Option, eine eingeleitete Therapie abzubrechen, den alten Mann einfach sterben zu lassen, gab es nicht. In Deutschland müssen eine einmal angesetzte Beatmung oder Dialyse nicht überprüft werden. Anders als beispielsweise in der Schweiz. Dort wird eine künstliche Beatmung alle vier Wochen auf den Prüfstand gestellt. Ist sie noch nötig und sinnvoll?

Eine Verlängerung des Sterbeprozesses?

Nach einem Gespräch mit der Leiterin des Pflegeheims wendete sich Kipp an Elisabeth Lohmann. Die ärztliche Leiterin des Palliativteams Hochtaunus betreut gemeinsam mit einem anderen Mediziner, Pflegekräften, Sozialarbeitern und Psychologen schwerkranke Menschen, die zu Hause oder in Heimen leben. Das Team lindert Schmerzen und Symptome wie Übelkeit oder Atemnot. Es versucht dem Patienten den letzten Abschnitt des Lebens so angenehm wie möglich zu gestalten, aber es versucht nicht zu heilen. Vielmehr lässt es zu, dass „jemand sterben darf“, wie Elisabeth Lohmann es formuliert. Eine Einstellung, die unter ihren ärztlichen Kollegen nicht selbstverständlich ist. Aus Erfahrung weiß Lohmann, dass unter Medizinern der Tod eines Patienten immer noch als Niederlage empfunden wird.

Sie scheuen davor zurück, mit Schwerkranken und deren Angehörigen auch über die Option des Sterbens zu sprechen. Manches Mal wird in Kliniken und Heimen gar nicht erst nach einer Patientenverfügung oder Vollmacht gefragt, es wird einfach gehandelt, als gäbe es keine. Dabei ist eine Patientenverfügung rechtsbindend, wer sich nicht daran hält, macht sich strafbar. Und trotzdem kennt Lohmann viele Angehörige, denen es wie Thorsten Kipp geht, denen es schwergemacht wird, den Willen ihres kranken Verwandten durchzusetzen. „Wir können ihn doch nicht verhungern und verdursten lassen“, wird Angehörigen entgegnet, wenn sie sich gegen eine künstliche Ernährung aussprechen. „Das ist aktive Sterbehilfe“, bekommen sie vorgeworfen, wenn sie Infusionen ablehnen. Äußerungen, die eine Entscheidungsfindung beeinflussen - insbesondere wenn sie von Ärzten stammen.

Als „vollkommenen Unfug“ bezeichnet Lohmann solche Aussagen. „Da fehlt es sowohl in Fachkreisen wie auch bei Laien an Aufklärung. Es gehört zu einem normalen Sterbeprozess, dass Menschen aufhören zu essen, aufhören zu trinken, sich immer mehr in sich zurückziehen“, sagt sie. Die Natur habe den Körper in wundersamer Weise auf den Sterbeprozess vorbereitet. „Bei Flüssigkeitsmangel werden Endorphine ausgeschüttet, es wird weniger Schleim und Urin gebildet. Alles entlastend für den sterbenden Organismus“, erläutert Lohmann. Wir Menschen aber pfuschen immer häufiger in diesem Prozess dazwischen, ohne zu fragen, ob es um eine künstliche Verlängerung des Lebens oder um die Verlängerung des Sterbeprozesses geht.

Weitere Themen

No Risk, no Fun

Turn-WM : No Risk, no Fun

Die deutschen Turner bleiben bei der Heim-WM ohne Medaille. Das amerikanische Springwunder Simone Biles räumt dagegen ab und stockt ihre Rekordsammlung auf 25 auf.

Topmeldungen

Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) spricht in Niedersachsen.

Wegen Angriff auf Syrien : VW-Werk in der Türkei steht vor dem Aus

Niedersachsens Ministerpräsident und VW-Aufsichtsrat Stephan Weil sieht wegen der türkischen Invasion keine Grundlage mehr für die geplante Milliardeninvestition. Das sei ein „Schlag ins Gesicht von Menschenrechten“.
Luisa Neubauer: Die „Fridays for Future“-Bewegung wird medial vor allem von jungen Frauen repräsentiert.

Shell-Jugendstudie : Es ist der Klimawandel, Dummkopf!

„Eine Generation meldet sich zu Wort“: So heißt die 18. Shell-Jugendstudie. Eine neue Entwicklung stellten die Autoren nicht nur bei Themen fest, die Jugendlichen Sorgen bereiten – sondern auch bei den Geschlechterrollen.
Trumps ehemaliger Sicherheitsberater John Bolton Ende September in Washington D.C.

Wegen Ukraine-Affäre : Bolton wollte Giulianis Vorgehen überprüfen

Die Ukraine-Affäre zieht immer weitere Kreise. Medienberichten zufolge soll Trumps ehemaliger Sicherheitsberater John Bolton über das Vorgehen Rudy Giulianis so beunruhigt gewesen sein, dass er einen Anwalt einschalten wollte.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.