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Parkinson : Wenn nichts mehr stillsteht

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Tim schluckt sieben weiße Pillen am Tag, die ihm helfen, ruhig zu bleiben. Während er erzählt, dass gesunde Leute auf dem Schwarzmarkt dafür viel Geld bezahlen, weil sie ähnlich wie Kokain wirken, wird er leiser. Das passiert ohnehin, wenn er viel spricht. „Jetzt habe ich gerade den Faden verloren“, sagt er dann oft - Nebenwirkungen der Medikamente. Zwei Tage später wird er bei einem Treffen in seiner Wohnung in Friedrichshain plötzlich und ohne jede Vorwarnung einschlafen - „Sleep attacks“ nennen Mediziner das. Die Medikamente machen es ihm zwar einfacher, mit der Krankheit zu leben, aber sie lassen ihn nicht mehr ruhig schlafen: „Das geht mir an die Substanz.“

„Es gibt Tage, da merkt man mir gar nicht an, dass ich Parkinson habe“

Die eigentliche Ursache der Krankheit, den Zellverlust im Gehirn, kann auch die moderne Medizin bis heute nicht bekämpfen. Morbus Parkinson ist unheilbar. Erst wenn die Forschung hier weiter ist, lassen sich vielleicht auch Möglichkeiten finden, den Zellverlust zu verhindern. Genauso wichtig wie die Medikamente ist Bewegung. Während andere mit einem Latexband für einen straffen Po, einen flachen Bauch und schöne Arme trainieren, profitiert Tims Gehirn von den täglichen Übungen damit. „Tierversuche haben bewiesen, dass die regelmäßige Bewegung das Gehirn dazu anregt, mehr Stammzellen zu bilden“, sagt Andreas Kupsch, Oberarzt der Neurologischen Klinik der Berliner Charité. „Damit schafft Bewegung zumindest am Tier eine Voraussetzung für die Bildung von neuen Zellen, und man darf zuversichtlich sein, dass dies auch für Patienten gilt“, so Kupsch. „Es gibt Tage, da merkt man mir gar nicht an, dass ich Parkinson habe“, sagt Tim. Und wenn er neue Menschen kennenlernt, sagt er lieber gleich, was Sache ist. „Wenn ich ein Referat halte, erkläre ich, dass ich eine neurologische Krankheit habe. Das muss reichen.“ Und weil er kein Mikrofon in der Hand hält, sondern ein Headset benutzt, kriegen die wenigsten das Zittern mit - auch wenn sein ganzer Körper wegen der Aufregung bebt.

Trotz der Krankheit hat Tim seinen Uni-Abschluss geschafft, seine Heimatstadt Trier verlassen und ist ins Berufsleben eingestiegen. In Berlin hat er sich ein Homeoffice eingerichtet. Hier plant und organisiert er in seinem eigenen Tempo Reisen für Privatpersonen. „Wenn's mal länger dauert, dauert's eben länger“, sagt er selbstbewusst. Sicher, es gebe Tage, da würde er gerne mal eine E-Mail schneller schreiben. „Aber es gibt mittlerweile gute Spracherkennungssoftware, die das für mich erledigt.“ Neurologin Henneberg ist überzeugt: Junge Patienten sind keine Pflegefälle, sie können arbeiten. „Der Patient kann denken. Parkinson hat ja primär nichts mit der Denkfähigkeit, mit der Intelligenz zu tun.“ Dabei ist es immer weniger aufreibend, als Selbständiger zu arbeiten, als in einem Job, dessen Abläufe streng geregelt sind.

Tim will sich seinen normalen Alltag nicht nehmen lassen

Es ist besonders die Sprache, mit der viele Patienten Probleme haben. Bei bis zu 90 Prozent der Patienten treten Störungen in den Bereichen Lautstärke, Deutlichkeit, Tempo, Ausdauer und Tonhöhe auf. Auch Tims Stimme wird irgendwann leise und heiser, die Melodie monoton. Vielleicht wollen andere ihre Party zum Kochen bringen, wenn sie sich bei Karaokespielen in geselliger Runde die Seele aus dem Leib singen. Wenn Tim in seinem Wohnzimmer steht und in ein Mikrofon singt, trainiert er bei einem Konsolenspiel seine Stimme und versucht, die Lieder möglichst genau mitzusingen. Trifft er den Ton, gibt es Punkte.

An Schnabeltassen, Rollator, erhöhte Tellerränder oder spezielle Messer, Löffel und Gabeln, deren Griffe im warmen Wasser formbar sind und seiner Hand angepasst werden, will er nicht denken. Auch nicht an einen Mausadapter fürs Arbeiten am PC, der das Zittern herausfiltert. „Ich bin nicht bereit, mir einen normalen Alltag nehmen zu lassen, und versuche, nicht jeden Tag an die Krankheit zu denken“, sagt Tim. Stattdessen bemüht er sich, so viele schöne Dinge wie möglich zu machen. Nicht an morgen denken, im Moment leben. Reisen, Freunde besuchen, die Natur genießen. Wie lange das noch klappt, kann ihm niemand sagen.

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