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Palliativpsychiatrie : Muss es immer Heilung sein?

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Menschen, die an einer schweren Form der Magersucht leiden, wünschen sich manchmal eher mehr Lebensqualität als Lebensverlängerung. Darauf müssen Ärzte sie nur erst einmal ansprechen. Bild: www.plainpicture.com

Palliativpsychiatrie ist eine junge Disziplin in der Medizin. Ihr Ansatz geht davon aus, nicht jedes psychische Leid ausreichend behandeln zu können. Was hart klingt, könnte für manche Patienten eine große Hilfe sein.

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          Stellen Sie sich folgendes Szenario vor: In einer Pflegeeinrichtung für psychisch Kranke lebt ein Patient, der an Schizophrenie leidet; die Erkrankung führt dazu, dass er Zigarettenstummel isst, die andere auf den Boden geworfen haben. Da das selbsterklärend ein hochgradig ungesundes Verhalten ist, nehmen ihm Ärzte und Pfleger die Stummel immer wieder ab. Das wiederum setzt ihm so zu, dass er fixiert werden muss und sein ohnehin schwieriger seelischer Zustand für Tage und Wochen merkbar aus dem Gleichgewicht gerät.

          Daraufhin fragen sich die Verantwortlichen: Was ist schlimmer? Dass der Patient zwei Wochen lang fixiert sein muss? Oder dass er Zigaretten isst – mit dem Risiko, dass er vielleicht doch die entscheidende Zigarette zu viel zu sich nimmt und an einer Nikotinvergiftung stirbt? Sie beschließen, ihn nicht mehr davon abzuhalten, sondern ihm die Zigaretten sogar zuzuteilen, um einen Überblick über die tägliche Anzahl zu haben, die er isst; und ihn zudem vor den Keimen der Mitpatienten zu schützen.

          Zugegeben: Es ist ein drastisches Beispiel und sicherlich eine ziemliche Ausnahme, aber es handelt sich um einen real existierenden Patienten. Er ist Belgier und in seinem Heimatland in einer Langzeitpflegeeinrichtung untergebracht, die ein palliatives Konzept für psychisch Kranke verfolgt.

          Was tun, wenn sich nichts bessert?

          Palliativmedizin für psychisch Kranke? In Deutschland bringen wir diese beiden Felder bislang nur miteinander in Verbindung, wenn bei Betroffenen zusätzlich eine somatische Erkrankung vorliegt. So entwickelt zum Beispiel ein Teil der Menschen mit nicht heilbarer Krebsdiagnose eine psychische Zweiterkrankung wie Depressionen oder Angststörungen. Bei Abhängigkeitserkrankten ist es hingegen umgekehrt: Der übermäßige und fortdauernde Konsum der Droge zerstört auch die körperliche Gesundheit. Doch wie sieht es mit Menschen aus, deren psychische Störung sich trotz teilweise jahrelanger intensiver Behandlung in Kliniken oder ambulant, medikamentös und psychotherapeutisch nicht bessert?

          Laut Definition der Deutschen Gesellschaft für Palliativmedizin bietet die Palliativmedizin Menschen mit einer lebenslimitierenden oder lebensbedrohenden Erkrankung eine Vorbeugung und Linderung von Leiden. Dies geschieht durch klinische Behandlung, Versorgung und Unterstützung. Seit einigen Jahren findet auch der Begriff der Palliativversorgung Anwendung, der „für alle Aktivitäten in der Begleitung und Betreuung von Schwerstkranken und Sterbenden gebraucht wird und auch alle Aktivitäten der Hospizbewegung umfasst“.

          Aus Basis dieser Definitionen erscheint es nicht fragwürdig, Menschen, die ausschließlich psychisch erkrankt sind, als Zielgruppe von Palliativversorgung zu sehen. Denn unter ihnen gibt es schwerstkranke Patienten, sogar eine ganze Menge. Und lebenslimitierend sind viele dieser Krankheitsbilder auch. Schwere Depressionen führen zu einer Verkürzung der Lebenserwartung von rund zehn Jahren, eine schwere Schizophrenie sogar zu einer Verkürzung von 20 bis 25 Jahren.

          Trotzdem sträuben sich manchem deutschen Psychiater die Nackenhaare bei der Frage, ob psychiatrische Störungen ohne begleitende körperliche Erkrankungen so schwer sein können, dass sie ein Palliativstadium erreichen. Auch eine „Taskforce“ aus Mitgliedern der Fachgesellschaften der Psychiater, Psychotherapeuten und Nervenheilkundler (DGPPN), der Palliativmediziner (DGP) und der Gerontopsychiater (DGGPP), die diese Frage seit dem Jahr 2017 diskutiert, hat sich bislang nicht auf eine gemeinsame Position verständigt. Die detaillierten Ergebnisse des Austauschs sind vor einigen Tagen in einer Sonderausgabe der Fachzeitschrift „Der Nervenarzt“ erschienen. Einstimmig wünscht sich die Gruppe aus rund 20 Palliativmedizinern, Psychiatern, Psychologen und einem Medizinethiker jedoch künftig eine engere Kooperation von Psychiatrie und Palliativmedizin.

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