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Palliativmedizin bei Kindern : „Heißt das, ich muss sterben?“

  • Aktualisiert am

Am Krankenbett: Kinder trösten oft sogar ihre Eltern Bild: dapd

Sven Gottschling betreut als Arzt unheilbar kranke Kinder. Die Debatte um aktive Sterbehilfe nennt er zynisch und erklärt, wie man mit diesen Kindern über den Tod spricht und wie man ihnen beistehen kann.

          7 Min.

          Herr Dr. Gottschling, Sie betreuen als Palliativ- und Schmerzmediziner viele schwer kranke Kinder. Ab welchem Alter kann ein Kind erfassen, was der Tod ist?

          Etwa zwischen sieben und neun Jahren fangen Kinder an, ein realistisches Konzept vom Tod zu entwickeln. In diesem Alter beginnen sie beispielsweise zu verstehen, dass auch sie sterben können. Den Tod wirklich auf allen Ebenen zu begreifen, gelingt ihnen aber erst zwischen zehn und vierzehn Jahren.

          Was meinen Sie mit „den Tod auf allen Ebenen begreifen“?

          Kleine Kinder halten sich für unsterblich, das merkt man auch an ihrem Verhalten. Gefahren werden nicht als Bedrohung wahrgenommen. Selbst wenn in ihrer Umgebung jemand gestorben ist, beziehen Kinder das nicht auf ihr eigenes Leben. Die verstorbene Nachbarin ist auf einer langen Reise, der verstorbene Hamster schläft sich aus. Um den Tod wirklich erfassen zu können, müssen Kinder verstehen, dass die Funktionslosigkeit des Körpers nicht mehr rückgängig zu machen und die eingetretene Situation nicht mehr umkehrbar ist. Sie müssen verstehen, wie es zu dem Tod eines Menschen kommen kann und dass Sterben universell ist, also jeder Mensch irgendwann sterben wird. Auch sie.

          Sie betreuen auf Ihrer Station auch Kinder, die deutlich jünger als zehn Jahre und schwer krank sind. Wie sprechen Sie mit diesen Kindern über den Tod?

          Das Wichtigste ist, dass man zu den Kindern offen ist. Erwachsene dürfen die Themen Tod und Sterben nicht zu Tabuthemen machen. Das gilt übrigens für den Umgang mit allen Kindern, auch den gesunden. Wenn ich mit meinen kleinen Patienten - schwerbehinderte Kinder, die kognitiv nicht in der Lage sind, so etwas zu erfassen, einmal ausgenommen - über das Sterben spreche, dann frage ich sie erst einmal, ob sie schon mal vom Tod gehört haben. Was sie darüber wissen. Ob sie jemanden kennen, der schon verstorben ist. Ich versuche zu erfahren, was das Kind schon weiß, und dort anzuknüpfen.

          Und wie sagt man einem Kind, dass es sterben muss?

          Da gibt es keine pauschale Gebrauchsanweisung. Wichtig ist wieder Offenheit. Kinder haben eine Antenne dafür, wenn Erwachsene nicht die Wahrheit sagen. Wenn ich einordnen kann, welche Vorstellung das Kind vom Tod hat, dann sage ich Sätze wie: „Du merkst das, wir geben uns alle Mühe, aber wir können dich nicht mehr gesund machen.“ Oft fragen die Kinder dann von selbst: „Heißt das, dass ich sterben muss?“ Den Begriff haben sie ja meistens schon gehört, vielleicht im Zusammenhang mit anderen Kindern aus der Klinik. Aber oft wissen sie nicht genau, was dahinter steckt.

          Sven Gottschling: Leitender Arzt am Zentrum für Palliativmedizin und Kinderschmerztherapie des Uniklinikums des Saarlandes
          Sven Gottschling: Leitender Arzt am Zentrum für Palliativmedizin und Kinderschmerztherapie des Uniklinikums des Saarlandes : Bild: UKS

          Wie wichtig ist für Kinder die Frage, was nach dem Tod kommt?

          Sie ist sehr wichtig. Auch bei diesem Thema sollte man die Kinder dort abholen, wo sie sind. Es ist nicht hilfreich, als Erwachsener Kindern Bilder vorzugeben. Kinder sind viel kreativer als wir Erwachsenen. Kinder erträumen sich ganz phantasievolle Orte, an denen sie nach dem Tod sein werden.

          Welche zum Beispiel?

          Sehr häufig ist es schon das klassische Bild: der Himmel. Ihn gestalten sie sich dann nach ihrem Geschmack, mit Dingen, die sie von der Erde mitnehmen, oder mit Menschen, die schon gestorben sind und die sie dann dort wiedertreffen, zum Beispiel einen ihrer Mitpatienten. Aber ich habe auch Kinder erlebt, die Höhenangst hatten. Für die war es völlig unvorstellbar, in den Himmel zu kommen. Sie haben sich einen anderen Ort ausgesucht. Für viele Kinder ist der Tod nicht so bedrohlich wie für Erwachsene. Mit ihrer unbefangenen Art trösten Kinder sogar oft ihre Eltern.

          Wie muss ich mir das vorstellen? Wie trösten sterbende Kinder ihre Eltern?

          Schon kleine Kinder haben ein sehr gutes Empfinden dafür, wenn es ihren Eltern nicht gutgeht, wenn sie traurig sind. Für Kinder sind die Eltern das Wertvollste, was sie haben. Kinder wollen ihre Eltern deshalb schützen, also auch trösten. Ich hatte mal eine Patientin, so um die zwölf Jahre, die hat mir gesagt: „Ich würde eigentlich gerne zu Hause sterben, aber ich weiß, dass meine Eltern das nicht schaffen würden, deshalb bleibe ich bei Ihnen in der Klinik.“

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