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Organspende : Du spendest doch. Oder etwa nicht?

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Deutlicher Rückgang: Noch nie wurden in Deutschland so wenig Organe gespendet. Bild: dpa

Patienten, die in Deutschland auf ein Organ warten, haben es zurzeit besonders schwer. Noch nie wurden so wenige Organe gespendet. Ärzte schlagen schon länger Alarm, jetzt reagiert die Politik und wirft sogar die Einführung der Widerspruchslösung in den Ring.

          Bundesgesundheitsminister Jens Spahn drückt aufs Tempo. Nicht nur beim omnipräsenten Thema Pflege, sondern auch bei der Organspende. Spahn hat für den Herbst einen Gesetzentwurf angekündigt, in dem vor allem zwei Punkte neu geregelt werden sollen: eine höhere Vergütung für Organentnahmen in Krankenhäusern und mehr Freiraum für die Transplantationsbeauftragten in den Kliniken. Zudem lässt seine Aufgeschlossenheit gegenüber einem Punkt aufhorchen, an den sich keiner seiner Vorgänger herangewagt hatte. Spahn scheint gewillt zu sein, die momentan gültige Regelung der Entscheidungslösung zugunsten einer Widerspruchslösung zu debattieren.

          Die Entscheidungslösung besagt, dass man sich bewusst für eine Organspende aussprechen muss, um im Falle eines irreversiblen Hirnfunktionsausfalls Spender zu werden. Liegt kein Wille vor, müssen die Angehörigen entscheiden. Die Widerspruchslösung, die mittlerweile in rund drei Viertel der europäischen Länder gilt, geht von dem umgekehrten Prinzip aus: Jeder, der sich zu Lebzeiten nicht gegen eine Organspende ausspricht, ist automatisch potentieller Spender.

          „Wir wollen die Zahl der Organspenden erhöhen.“

          Doch der Reihe nach. Auf Seite 100 des Koalitionsvertrages hielten CDU, CSU und SPD im März fest: „Wir wollen die Zahl der Organspenden in Deutschland erhöhen.“ Die Koalitionäre reagierten damit auf die sich seit Jahren im Sinkflug befindlichen Organspenderzahlen. Im Januar 2018 verkündete die Deutsche Stiftung Organtransplantation (DSO), die Koordinierungsstelle für Organspende mit Sitz in Frankfurt am Main, einen vorläufigen Tiefstand von 797 Menschen, die im Jahr 2017 ihre Organe nach ihrem Tod zur Verfügung gestellt hatten. Im Jahr 2010 waren es noch 1296 Spender gewesen. Axel Rahmel, der medizinische Vorstand der DSO, spricht von einer „dramatischen Situation“.

          Noch deutlichere Worte findet Professor Bernhard Banas, ein Transplantationsmediziner, der in den vergangenen zwanzig Jahren an mehr als 2000 Nierentransplantationen beteiligt war, erst in München, seit gut zehn Jahren als Leiter der Abteilung Nephrologie am Uniklinikum Regensburg. Dort leitet er auch das Transplantationszentrum. Banas’ Geduld ist am Ende. Er sagt: „Man darf die Bevölkerung nicht länger im Unklaren darüber lassen, dass die Überlebenschancen von Deutschen, die auf ein Spenderorgan warten, erheblich geringer sind als in vergleichbaren Ländern.“ Für diese These führt er unter anderem Zahlen von Eurostat heran, die belegen, dass in Ländern wie Spanien vier von 1000 verstorbenen Patienten ihre Organe spenden. In Deutschland hingegen liegt der Wert bei 0,7 bis 0,8. In Deutschland stehen also nur ein Viertel der Organe zur Verfügung.

          90.000 Dialysepatienten in Behandlung

          Mit Blick auf die Patientengruppe der Nierengeschädigten legt Banas in puncto Klartext noch nach. Es gebe Länder mit so vielen verfügbaren Nieren, dass mehr Transplantierte lebten, als Patienten an der Dialyse seien, beispielsweise Spanien, Österreich oder Irland. In Deutschland seien von den Nierenkranken im Endstadium gerade einmal 20 Prozent transplantiert. Offiziell publizierte Zahlen existieren nicht, aber laut Banas, der sich dazu vor kurzem auch mit der Sächsischen Landesärztekammer abstimmte, werden in Deutschland derzeit etwa 90.000 Patienten langfristig mit der Dialyse behandelt und etwa 20.000 Patienten nach einer erfolgreichen Transplantation medizinisch betreut.

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