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Organspende in Österreich : „Für ein Nein reicht ein Zettel im Geldbeutel“

Dann versuchen wir, den Willen des Verstorbenen mit den Angehörigen zu ergründen. Wie wichtig waren ihm Hilfsbereitschaft und Solidarität?

Wie viele Angehörige entscheiden sich dann für eine Organentnahme?

Die meisten Verwandten stimmen zu.

Was machen Sie, wenn die Verwandten es ablehnen?

Das ist ein großes Dilemma für die Ärzte. Denn rein rechtlich gesehen müssten wir uns nicht an den Widerspruch der Verwandten halten, wenn wir den Willen des Verstorbenen nicht kennen. Wir haben – theoretisch – die Rechtssicherheit für eine Organspende. Und wir wissen, dass wir mit den Organen des einen Verstorbenen vier bis fünf Menschen retten können, die vom Tode bedroht sind.

Das heißt also, entweder retten die Ärzte nicht das Leben der Menschen auf der Warteliste oder sie setzen sich über die Gefühle der Verwandten hinweg. Wie entscheiden Sie in diesen Fällen?

Wir versuchen, die Angehörigen doch noch zu überzeugen. Wenn der Spender stabil ist, hat man auch Zeit dafür, und die Verwandten können sich das in Ruhe noch für ein paar Stunden überlegen.

Und wenn es bei dem Nein bleibt?

Dann gibt es keine Organentnahme. Wir wollen das nicht gegen den Widerstand der Verwandten durchsetzen. Das würde die öffentliche Wahrnehmung des Organspendens sehr negativ beeinflussen. Aber es ist für die Ärzte oft schwer zu akzeptieren. Zumal für diejenigen Ärzte, die sich vor allem um die todkranken Empfänger der Organe kümmern. Sie wissen, dass manche Menschen auf der Liste das nicht überleben werden.

Was kann man tun, damit es erst gar nicht zu diesem Dilemma kommt?

Ich kann nur jedem raten, es seinen Verwandten zu ersparen, darüber nachdenken zu müssen. Jeder sollte sich zu Lebzeiten zusammen mit der Familie darüber Gedanken machen und eine Entscheidung für oder gegen die Organspende treffen. Dann wissen die Angehörigen im Ernstfall, was zu tun ist. Damit ist den Ärzten geholfen, aber auch den Verwandten. In Italien kann man es im Führerschein oder Personalausweis vermerken lassen. Zumindest für ein paar Sekunden muss man also darüber nachdenken. Artikulieren Sie sich – so oder so!

Besonders hart muss es für Angehörige sein, wenn Kinder als mögliche Organspender in Betracht kommen. Müssen die auch im Register eingetragen sein?

Für Kinder unter 14Jahren müssen die Erziehungsberechtigten den Widerspruch zu Lebzeiten formulieren. Jugendliche von 14Jahren an sollten dies selbst tun. Sind Kinder betroffen, ist dies immer eine extreme Belastung für die Eltern und für die Ärzte. Das fängt doch schon an, wenn man nur darüber nachdenkt, dass man mal in diese furchtbare Lage kommen könnte: Man hat als Eltern sofort Tränen in den Augen.

Neigen die Eltern von Kindern eher dazu, die Organentnahme abzulehnen?

Eher das Gegenteil ist der Fall. Wir haben hier höhere Raten der Zustimmung. Ich schätze, das liegt daran, dass Eltern eines verstorbenen Kindes sehr große Empathie für das todkranke Kind empfinden, das durch die Spende gerettet werden könnte. Das Leid, das sie durchmachen, möchten sie dem Kind und dessen Eltern ersparen.

Wie haben Sie sich persönlich entschieden?

Ich bin nicht im Register eingetragen, und meine Familie weiß, was im Falle eines Falls zu tun ist. Ich habe meinen Willen klar artikuliert, er steht auch in meinem Notfallpass.

Und ihre beiden Kinder?

Bei meinen Töchtern würde ich auch zustimmen. Weil ich weiß, dass ich es auch in Anspruch nehmen möchte, wenn meine Kinder ein lebensrettendes Organ brauchten. Und das kann jeden treffen, wie ein Blitz aus heiterem Himmel.

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