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Grippewelle : Am Rande der Erschöpfung

Schwerer Fall: Seit zwei Tagen wird dieser Grippepatient auf der Intensivstation des Nordwestkrankenhauses in Frankfurt behandelt. Bild: Wolfgang Eilmes

Die Influenza wütet in diesem Jahr besonders heftig. Zahlreiche Notaufnahmen sind überlaufen. Dienst nach Vorschrift können sich die Ärzte und Pfleger im Frankfurter Nordwestkrankenhaus nicht mehr leisten.

          Zweimal rechts, einmal links, dann noch durch die Tür. Da sitzt sie: die Grippe. Sie sitzt in der schmalen Frau, 75 Jahre alt, mit der tiefen Falte auf der Stirn, und sie sitzt in dem Mädchen, ihrer Enkelin. Die hat sich in der Kita angesteckt und das Virus gleich an die Oma weitergegeben.

          Mona Jaeger

          Redakteurin in der Politik.

          Das geht dieser Tage schnell. Einmal umarmen kann schon genügen, dazu vielleicht noch ein flüchtiger Kuss auf die Wange, und der Virus springt. Er versteckt sich hinter dem abstrakten Kürzel H3N2, aber seine Wirkung ist ganz konkret. Der Großmutter läuft die Nase, ihre Enkelin hält sich den heißen Kopf. Grippe, keine Frage.

          Die sitzt im Nordwestkrankenhaus in Frankfurt an diesem Freitag überall. Die Notaufnahme ist voll, aber nicht überlaufen. Anfang der Woche war es schlimmer. Da kam Gerhard Cieslinski oft erst nach 19 Uhr aus dem Krankenhaus, obwohl sein Dienst schon um acht Uhr begann und eigentlich schon um 16 Uhr endete. Cieslinski leitet die Notaufnahme im Nordwestkrankenhaus, er ist schon viele Jahre dabei. Über die Frage, ob er sich an eine ähnlich heftige Grippewelle erinnern kann, muss er einen Moment nachdenken: „Seit Januar gibt es schon erstaunlich viele Grippepatienten.“

          Schon bei der Anmeldung werden die Patienten klassifiziert

          Auf seinem Handy sieht er den Beweis. Er ruft das elektronische Informationssystem auf, bei dem die Frankfurter Krankenhäuser ihre freien Betten und Kapazitäten in der Notaufnahme melden. Ein grünes Kästchen hinter dem Kliniknamen bedeutet Entspannung, ein rotes Kästchen Aufnahmestopp. Zwei Drittel der Kästchen sind rot. Die Krankenhäuser arbeiten am Limit, seit Tagen schon. Auch Cieslinski musste das Nordwestkrankenhaus schon mehrfach für einige Stunden bei der Leitstelle als ausgelastet abmelden.

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          Dann kommen zwar keine Rettungswagen mehr. Aber Patienten, die sich noch auf den eigenen Beinen in die Notaufnahme schleppen können, wie der Mann mit dem schweren Husten. Wie alle Besucher der Notaufnahme stellt er sich in die Schlange vor der Anmeldung, nach ein paar Minuten ist er dran. Die Frau hinter dem Tresen fragt: „Was kann ich für Sie tun?“ Der Mann erzählt von Fieber, Gelenkschmerzen, Unwohlsein. Die Mitarbeiter an der Anmeldung müssen jetzt entscheiden: Grippe – ja oder nein. Wenn nein, schicken sie den Patienten in den Warteraum. Wenn ja, wird er gleich in dem Gang neben dem Tresen in Empfang genommen, damit er die übrigen Patienten nicht ansteckt. Je nach Schwere der Symptome klassifizieren die Mitarbeiter an der Anmeldung die Patienten, ihre Akten bekommen einen grünen, gelben oder roten Vermerk. Die Grünen können noch einen Moment warten, die Roten müssen sofort behandelt werden.

          Eine Impfpflicht für die Mitarbeiter besteht nicht

          Denn Grippe ist nicht gleich Grippe. Bei jedem verläuft sie anders. Wenn er noch Glück hat, insofern man überhaupt von Glück sprechen kann, werden dem Patienten der Blutdruck und die Temperatur gemessen, außerdem ein Grippetest ausgeführt, dessen Ergebnis aber erst nach 24 Stunden vorliegt. Ist der Patient sonst stabil, kann er wieder nach Hause gehen und sich ins Bett packen. Es gibt aber auch Patienten, da gibt es keine Diskussion, sie müssen stationär aufgenommen werden. Auch von denen gibt es nach Angaben von Gerhard Cieslinski in diesem Jahr überdurchschnittlich viele.

          Zügig biegt der Arzt um die Ecke, nimmt die paar Treppenstufen in den ersten Stock. Er zieht sich einen besonders keimdichten Mundschutz an, streift seinen weißen Kittel ab und schlüpft in einen grünen Einweganzug. Auf der Intensivstation gelten besonders strenge Vorsichtsmaßnahmen, die Gefahr, sich anzustecken, ist hier groß. Cieslinski hatte noch nie Grippe, auch dieses Jahr ist er geimpft, viele seiner Kollegen ebenfalls, aber eine Impfpflicht für die Mitarbeiter besteht nicht. Ein Bett wird aus einem Nebenraum geschoben und in eine Plastikhülle gepackt. Eine Pflegerin schreibt mit Filzstift „Influenza“ auf die Folie. Das Bett ist kontaminiert und muss gründlich desinfiziert werden.

          „Die Arztpraxen sind doch auch voll“

          Cieslinski öffnet eine erste Tür, dann eine zweite. Nach den beiden Schleusen steht er im Behandlungszimmer. Er tritt an das Bett des Manns, mittleres Alter, mit chronischer Vorerkrankung, mehr darf er nicht sagen. Der Patient hat auch die Grippe, aber in ihrer besonders schweren Form. Er ist nicht bei Bewusstsein, in seinem Hals steckt ein Schlauch. Seit zwei Tagen liegt er auf der Intensivstation, noch ist er nicht stabil. Er wird mit dem Medikament Tamiflu behandelt. Cieslinski ist verhalten optimistisch, das ist er immer bei seiner Arbeit. Er muss es sein. Aber er weiß auch: Jedes Jahr sterben etwa 15.000 Menschen in Deutschland an Influenza.

          Oft spricht man von Grippe, obwohl es nur eine schwere Erkältung ist. Auch in die Notaufnahme des Nordwestkrankenhauses kommen immer wieder Menschen, die ihre Beschwerden nicht ganz richtig einschätzen können. Aber etwa die Hälfte aller Patienten, die in der Notaufnahme vorstellig werden, es sind 23.000 im Jahr, werden stationär aufgenommen. Die Klage einiger Kliniken, dass ihre Notaufnahmen mit harmlosen Fällen überlaufen sind, kann er für das Nordwestkrankenhaus nicht bestätigen. „Die Arztpraxen sind doch auch voll. Dann kommen die Leute eben zu uns.“

          Es ist Mittag, in der Notaufnahme wird es hektischer. Außer den Grippepatienten kommen jetzt auch die mit Rückenschmerzen und den dicken Beinen. Aus den Lautsprechern heult eine Sirene, ein Rettungswagen mit einer Schlaganfallpatientin wird gleich ankommen. Auch während der Grippesaison läuft der Krankenhausalltag weiter. Da kann es sich kein Arzt oder Pfleger leisten, Dienst nach Vorschrift zu machen, und den macht hier zurzeit auch keiner. Viele haben ihren Urlaub verschoben, machen Überstunden. Gerhard Cieslinski, der Leiter der Notaufnahme, sowieso. Er hofft, dass ihn auch dieses Mal die Grippe verschont. Die Influenza-Welle wird wohl noch mindestens vier Wochen rollen.

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