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Grassierendes Norovirus : Hände waschen!

Regelmäßiges Händewaschen hilft gegen das grassierende Novovirus. Bild: dapd

Das Norovirus macht zurzeit ganz Deutschland krank. Zehn Fragen und Antworten zu einem echt fiesen Keim.

          4 Min.

          Bauchschmerzen, Durchfall und Erbrechen kursieren zurzeit in Deutschland. An Türklinken, Geldscheinen, Lichtschaltern und Händen warten die Noroviren nur darauf, vom einen Mensch zum andern zu gelangen.

          Lucia Schmidt

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Zwar hat das Virus, das zum ersten Mal im Jahr 1968 in der amerikanischen Kleinstadt Norwalk für einen großen Ausbruch sorgte, jedes Jahr in den Wintermonaten Konjunktur. Doch laut Robert Koch-Institut (RKI), dem Aufseher über die Infektionserkrankungen in Deutschland, traten die Norovirus-Infektionen in diesem Jahr deutlich früher und stärker auf als im Vorjahr. Bundesweit meldete das RKI für November mehr als 14.500 Fälle. Zahlen für Dezember liegen noch nicht vor. Doch die ständigen Auswertungen des RKI zeigen: Rund dreimal so viele Menschen liegen mit Magenkrämpfen, Übelkeit und Durchfall zurzeit im Bett wie im vergangenen Jahr zum etwa gleichen Zeitpunkt. Die Dunkelziffer liegt dabei noch höher, nicht jeder mit Magen-Darm-Beschwerden geht zum Arzt. Und noch seltener wird getestet, welcher Erreger zu den Beschwerden führt. Ist das Norovirus identifiziert, gilt in Deutschland eine Meldepflicht.

          Da laut Experten noch nicht abzusehen ist, welchen Verlauf die Norovirus-Welle dieses Jahr noch nehmen wird, haben wir uns angeschaut, was man über den sehr ansteckenden Keim weiß, wie man sich schützt und was es mit Magen-Darm-Infektionen eigentlich auf sich hat.

          Warum sind jetzt so viele betroffen?

          Das Norovirus besitzt eine extreme Wandlungsfähigkeit. Immerfort ändert sich sein Erbgut. Die Folge: Seine Oberfläche ist plötzlich anders beschaffen, es besitzt neue Fähigkeiten. Das macht dem menschlichen Immunsystem Probleme. Ständig wird es vom Virus ausgetrickst, erkennt ihn in seiner neuen Form nicht als Feind. Etwa alle zwei bis vier Jahre soll so ein neuer Subtyp beim Norovirus entstehen. Dieses Jahr war es wieder so weit. Das RKI konnte es in Stuhlproben nachweisen. Dabei ist die neue Variante nicht gefährlicher, es gibt nur einfach weniger Menschen, die schon dagegen immun sind. Und dazu kommen die alten Subtypen, die bei sinkenden Temperaturen ebenso beginnen, ihr Unwesen zu treiben. Damit steigen die Zahlen der Erkrankten schnell. Seit 1995 gab es weltweit fünf große Norovirus-Pandemien; ob die Saison das Potential hat, die sechste hervorzurufen, wird sich noch zeigen.

          Wieso ist das Virus so ansteckend?

          Als hüllenloser Erreger ist das Norovirus gegenüber Umwelteinflüssen sehr resistent. Der Erreger ist bei Temperaturen zwischen minus 20 Grad und plus 60 Grad lebensfähig, auch Feuchtigkeit und Desinfektionsmittel kommen nicht immer dagegen an. Tage, manchmal Wochen lang können diese Viren auf Gegenständen überleben. Schon zehn Viren von jeweils rund dreißig Nanometern Größe reichen unter Umständen für eine Ansteckung. Das ist im Vergleich zu anderen Erkrankungen sehr wenig. Dazu vermehren sie sich rasant im menschlichen Körper. Der einzige Trost bei einer so hohen Infektiosität: „Im Normalfall ist aber auch die Immunantwort des Körpers sehr schnell und effizient. Nach wenigen Stunden bis Tagen hat der Körper die Erreger im Griff“, sagt Professor Ansgar Lohse, Klinikdirektor des Zentrums für Innere Medizin am Hamburger Uniklinikum und Experte der Deutschen Gesellschaft für Gastroenterologie, Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten.

          Wie kann ich mich schützen?

          Meist wird das Virus von Mensch zu Mensch weitergeben. Seltener können Infektionen auch von kontaminierten Speisen ausgehen. Deshalb ist der beste Schutz regelmäßiges, gründliches Händewaschen mit Seife. Lieber einmal mehr als zu wenig. Der Keim ist gegen einige Desinfektionsmittel resistent; wer sich mit deren Hilfe schützen will, muss viruzide, Viren abtötende, Mittel verwenden.

          Desinfektionsmittel helfen nicht zwingend, es müssen solche sein, die Viren abtöten.
          Desinfektionsmittel helfen nicht zwingend, es müssen solche sein, die Viren abtöten. : Bild: dpa

          Welche Symptome zeigen sich?

          Meist starkes Erbrechen mit Magenkrämpfen, gefolgt von Durchfall sowie Mattigkeit. Es gebe auch milde Verläufe, die sich nur durch Bauchschmerzen und allgemeines Krankheitsgefühl zeigten, sagt Lohse.

          Wer ist ansteckend?

          Ansteckend ist, wer Symptome zeigt. Die erste Phase des Erbrechens ist die bei weitem ansteckendste. Ärzte gehen davon aus, dass man 48 Stunden nachdem die Symptome abgeklungen sind, nicht mehr infektiös ist.

          Ist, wer krank war, immun?

          Für wie lange eine überstandene Infektion tatsächlich eine schützende Immunität beim Betroffenen hervorruft, ist wissenschaftlich nicht eindeutig bewiesen. Doch die Praxis zeigt: Eine durchgemachte Infektion ist meist ein Schutz vor einer Neuinfektion mit demselben Norovirus-Subtyp. Ändert sich aber der Typ, ist man nicht mehr ausreichend geschützt, meist aber verläuft eine zweite Infektion deutlich milder. Mediziner sprechen dann von einer Teilimmunität.

          Wie schütze ich Andere?

          Bei sonst gesunden Menschen geht eine Norovirus-Infektion meist komplikationslos und schnell vorbei. Lohse rät deshalb zum Schutz für Andere, den Hausarzt oder den notärztlichen Dienst telefonisch zu kontaktieren, um nach Rat zu fragen. Möglichst nicht in die Notaufnahme kommen, wo die große Gefahr besteht, andere Patienten und das Klinikpersonal anzustecken. Ausnahmen können kleine Kinder, alte Menschen und chronisch Kranke bilden; bei ihnen kann die Infektion schwerer verlaufen. Ist einer aus der Familie krank, sollten unterschiedliche Handtücher benutzt, nach Möglichkeit verschiedene Toiletten genutzt, Körperkontakt gemieden und Hände gewaschen, gewaschen und gewaschen werden.

          Welche Erreger gibt es noch?

          Zahlreiche Bakterien und Viren können Durchfallerkrankungen hervorrufen. Bakterielle Infektionen dauern meist länger als virale. Rotaviren befallen vor allem Kinder, die Gefahr dabei: Ihr Körper kann bei Erbrechen und Durchfall schnell austrocknen. Gegen Rotaviren gibt es im Gegensatz zu Noroviren eine Impfung. „40 Million Fälle von infektiös bedingten Durchfallerkrankungen gibt es im Jahr in Deutschland“, sagt Lohse. Im Schnitt trifft es also jeden zweiten Deutschen im Jahr einmal.

          Was passiert im Körper?

          „Ehrlich gesagt“, bemerkt Lohse, „sind Symptome wie Durchfall und Erbrechen von der Medizin noch nicht gut verstanden.“ Man gehe davon aus, dass ein Teil der Symptome direkt durch den Erreger entsteht, ein anderer Teil durch die Immunantwort des Körpers. Es gibt Theorien, dass manche Erreger die Schleimhautzellen im Magen-Darm-Trakt so beeinträchtigen, dass diese ihre Arbeit nicht mehr richtig tun können.

          Helfen Cola und Brezel?

          „Der Patient braucht Wasser, Salze und Energie, am besten in Form von Kohlehydraten“, sagt Lohse. Bei starkem Durchfall könne das Einnehmen von Elektrolytlösungen aus der Apotheke sinnvoll sein. „Cola und Salzstangen verbinden den Bedarf an Flüssigkeit, Kohlehydraten und Salz.“ Aber Tee und salzige Suppe sowie Weißbrot seien besser verträglich. Generell aber gilt: Man kann essen, auf was man Lust hat. Meist steuert der Körper den Appetit so, dass er bekommt, was er benötigt. Ach, und Bettruhe hilft natürlich auch, um schnell wieder auf den Beinen zu sein.

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