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Medizin in der Zukunft : Waschen, Schneiden, Blutdruckmessen

  • -Aktualisiert am

Sonst noch was? In Bremen soll Postboten auf ihrer täglichen Runde nachsehen, ob es Senioren gutgeht. Bild: dpa

In den Vereinigten Staaten reden Friseure über Gesundheit und in Bremen sollen Postboten künftig nach alten Leuten sehen. Ist das Medizin nur noch so nebenbei – oder eine wertvolle Hilfe in der Not?

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          Friseuren wird ja nachgesagt, sie redeten viel, und mal angenommen, das stimmt: Kalifornische Mediziner haben sich diese Eigenschaft jetzt zunutze gemacht und den Friseuren gesagt, worüber sie reden sollen. Über den Blutdruck nämlich, den mutmaßlich zu hohen, der dann auch gleich noch im Salon gemessen werden konnte. Ein Outsourcing medizinischer Dienstleistungen sozusagen, das es so ähnlich künftig auch in Bremen geben wird: Postboten sollen dort auf ihrer täglichen Runde nachsehen, ob es den anwohnenden Senioren gutgeht.

          Friseure werden zu Blutdruckspezialisten und Postboten zu Pflegehelfern. Nebeneinander sehen diese zwei Meldungen aus den vergangenen Wochen so aus, als würde Medizin künftig immer da sein wollen, wo wir sind. Statt, zum Beispiel, nur in der Hausarztpraxis, die manchmal entweder ganz schön voll oder ganz schön weit weg ist. Tatsächlich denken Ärzte und Pfleger über solche Modelle nach – allerdings mit unterschiedlich großem Leidensdruck.

          Schauen wir zunächst in die Vereinigten Staaten. Aus Los Angeles kommt die Studie zur Blutdruckmessung beim Friseur, und sie ist aus einem Dilemma entstanden: Unter schwarzen Männern, besonders denen mit niedrigem Bildungsstand, ist in Amerika Bluthochdruck statistisch weiter verbreitet als unter anderen Bevölkerungsgruppen. Deswegen haben die Forscher mit 52 Salons zusammengearbeitet und die Friseure dort gebeten, mit ihren Kunden über Blutdruck zu reden und darüber, was passieren kann, wenn der dauerhaft zu hoch ist – zum Beispiel, dass dann das Risiko für Schlaganfälle und Herzinfarkte erhöht sein kann.

          Die Friseure ermutigten ihre Kunden, sich noch im Salon den Blutdruck messen zu lassen. Bei 319 der untersuchten Männer wurde der als bedenklich eingestuft – bei ihnen lag der obere Wert durchschnittlich bei etwa 154 Millimeter Quecksilbersäule. Nun wurden diese Männer in zwei Gruppen eingeteilt. In der ersten ermutigten die Friseure ihre Kunden nur, doch mal was gegen den hohen Blutdruck zu machen. Gruppe zwei bekam eine Einladung zu einem neuen Friseurtermin, bei dem dieses Mal auch ein Apotheker anwesend war. Der hatte die Erlaubnis, Medikamente zu verschreiben, und tat das auch. Ergebnis der Studie nach sechs Monaten: Im Durchschnitt hatten all diese Männer einen niedrigeren Blutdruck, der Rückgang war in der Apotheker-Gruppe aber deutlich stärker.

          „Non-Traditional Healthcare“

          Nun mag die Verbindung zwischen Friseuren und einer medizinischen Versorgung irgendwie noch naheliegen. Immerhin durften und sollten Barbiere im Mittelalter noch Zähne ziehen, Knochen richten und Medikamente verschreiben. Vor allem in den Vereinigten Staaten gibt es aber auch noch andere Beispiele medizinischen Outsourcings. Oft geht es dabei ums Impfen, insbesondere gegen Pneumokokken und Influenza. Nebenbei wird die schützende Spritze in Amerika nahezu überall dort angeboten, wo sich jene rumtreiben, die sonst selten oder gar nicht zum Arzt gehen: in Kirchen, Bingohallen, Casinos, Wahllokalen und sogar an Verkehrsknotenpunkten. Eine Studie in zwei Kliniken hat zudem ergeben, dass es gar nicht unbedingt nötig ist, die Leute da zu erwischen, wo sie sind – aber sie wenigstens dann zu erwischen, wenn sie einmal da sind: Eltern, deren minderjährige Kinder wegen einer Hand-OP in eine chirurgische Klinik kamen, wurde angeboten, den Kindern doch direkt eine Influenza-Impfung angedeihen zu lassen. Eine im Vergleich zur Kontrollgruppe (Impf-Frage wurde nicht gestellt) deutlich größere Elternschaft entschied sich dafür, ihr Kind zu impfen.

          In Amerika hat das Ganze schon einen Namen. „Non-Traditional Healthcare“ heißt der, und manche PR-Firmen reden davon, dass das ein „rising trend“, also steigender Trend, sei. Wenn dem so ist, dann passiert das nicht immer, um die Gesundheitsversorgung zu optimieren – sondern vor allem, um überhaupt eine anzubieten. Schließlich sind in den Vereinigten Staaten viele Menschen schlecht oder gar nicht krankenversichert. So beobachtet das auch Erika Baum. Sie ist Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Allgemeinmedizin und sagt zum aktuellen Fall aus Los Angeles: „Blutdruckkontrolle beim Friseur brauchen wir in Deutschland ganz gewiss nicht. Hier kann jeder seinen Blutdruck kostenlos in der Apotheke messen lassen.“

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