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Digitale Doktoren : Gesundheitsapps ohne Zulassung

  • -Aktualisiert am

380 000 Fitness-Apps gibt es für Smartphone und Tablet. Doch niemand kontrolliert sie. Bild: dpa

Viele Apps versprechen, dass sie uns fitter machen und Wehwehchen bekämpfen, damit wir uns wohler fühlen. In Deutschland jedoch prüft bisweilen niemand, ob sie denn wirklich auch nutzen – und das auf dem sonst stark regulierten Medizinmarkt.

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          In der Medizin ist alles reguliert, was es zu regulieren gibt. Wie viele Zahnärzte in einer Stadt ihren Leuchtreklamezahn ins Praxisfenster hängen dürfen. Wie viel es die Kasse kostet, wenn ein Arzt seine Lupe auf einen Leberfleck hält. Durch wie viele Studien ein Medikament muss, bis es im Apothekenregal stehen darf. Gesundheitsapps aber dürfen bislang versprechen, gesund zu machen, ohne dass je irgendwer nachgeschaut hätte, ob sie das wirklich tun. Legt man „gesund machen“ weit aus, zählen einige Statistiken international bis zu 380.000 Apps dazu.

          Diese Zahl ist, näher betrachtet, allerdings wohl eher als Schätzung zu werten. Aus den Statistiken wird nämlich nicht klar, welche Apps genau zählen, ob sie durch die verschiedenen Stores doppelt gezählt wurden oder wie weit dasThema tatsächlich ausgelegt wurde. Klar aber ist: Apps zu den Themen Fitness, Gesundheit und Medizin sind zu einem eigenen Markt geworden. Und dieser Berg der mobilen Helferlein ist mittlerweile anscheinend hoch genug, um bis zum Fenstersims der Regulierungsbehörden zu reichen. Vor kurzem hat dort wohl jemand hinausgeschaut, denn plötzlich interessiert sich die Politik für den Berg.

          Die Europäische Kommission schreibt ein Grünbuch, lässt es von Experten beurteilen und beruft jüngst eine Arbeitsgruppe ein. Sie soll einen Plan ausarbeiten, wie man mit diesen Apps umgehen soll. Das Bundesgesundheitsministerium bestellt eine Studie, um überhaupt erst einmal einen Überblick zu bekommen, was es da draußen überhaupt so gibt, und die Industrie gibt sich vorsichtshalber schon einmal selbst Regeln.

          Woher kommt diese plötzliche Aufmerksamkeit? Warum mischt sich der Staat auf einmal ein, nachdem er lang nicht viel für die Apps übrighatte? In Deutschland gibt es eine Handvoll Menschen, die sich schon mit Gesundheitsapps beschäftigt haben, als diese noch keine Geldspeicher füllten. Urs Vito Albrecht von der Medizinischen Hochschule Hannover ist einer von ihnen, Ursula Kramer von der App-Bewertungsplattform HealthOn und Beatrix Reiß vom Zentrum für Telematik und Telemedizin (ZTG) Bochum sind zwei weitere. Sie dringen schon länger darauf, dass man sich die Gesundheitsapps zumindest einmal anschaut, schließlich sind sie etwas Besonderes in den Stores.

          Was Menschen schaden kann, muss geprüft werden

          Ist die App zum Zahlenschiebespiel langweilig oder funktioniert die Mietautosuchapp nicht, ist das schlimmstenfalls ärgerlich. Zu viel Ärger kann auch krank machen – aber eine Gesundheitsapp, die falsche Tipps gibt oder Werte nicht korrekt darstellt, macht viel direkter krank. Medizinprodukte sind vor allem deshalb geprüft und wieder geprüft, weil sich der Verbraucher sicher sein soll, dass sie ihm nicht schaden.

          Vor allem steht also die Frage: Machen Gesundheitsapps gesund? „Im Bereich der Ernährung gibt es oft den Zwiespalt, ob ein Tipp die Gesundheit fördert oder nur den Absatz von bestimmten Produkten“, sagt Beatrix Reiß. Wirtschaftliche Interessen sind das eine, tatsächlicher direkter Schaden das andere. „Wenn eine Fitnessapp eine Übung falsch beschreibt, tut das dem Nutzer nicht so gut. Berechnet sie eine Insulin-Dosis falsch, schadet sie in jedem Fall“, so Reiß. Deshalb gelte in der Medizin sonst: Was den Menschen potentiell schaden kann, muss geprüft und reguliert werden. Nun ist die Spanne zwischen kurz mal das Bein verrenken und einem zu niedrigen Blutzuckerspiegel riesig. Zumal es dem Bein auch in der letzten Reihe des schlechten Fitness-Kurses nicht gutgehen kann. Dagegen verrechnen sich Ärzte eher selten beim Insulin.

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