https://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/gesundheit/niederlaendische-krankenhaeuser-widerstand-gegen-die-bakterien-1327705.html

Niederländische Krankenhäuser : Widerstand gegen die Bakterien

  • -Aktualisiert am

Der Operationssaal sollte besonders hygienisch sein Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Niederländische Krankenhäuser leisten Widerstand gegen Bakterien. Sie tun gut daran, denn mit dem gefährlichen MRSA ist nicht zu spaßen. Dabei könnte schon gründliche Händehygiene die Ausbreitung eindämmen helfen.

          3 Min.

          Die Niederländer leisten Widerstand gegen Bakterien. Und sie tun gut daran, denn mit MRSA (Methicillin-resistenter Staphylococcus aureus) ist nicht zu spaßen: Das Bakterium kann Lungenentzündungen, langwierige Wundinfekte oder oft tödliche Blutvergiftungen hervorrufen. Die Erreger gehören zu den Krankenhauskeimen, mit denen sich laut Michael Kresken, Leiter der Arbeitsgruppe Resistenz der Paul-Ehrlich-Gesellschaft (PEG), in deutschen Krankenhäusern jedes Jahr mindestens eine halbe Million Menschen infizieren.

          MRSA sind Stämme des Bakteriums Staphylococcus aureus, die häufig gleich gegen mehrere Antibiotika-Klassen resistent sind: In Deutschland machen MRSA in den Krankenhäusern inzwischen durchschnittlich rund zwanzig Prozent aller Staphylococcus-aureus-Keime aus. In den Niederlanden dagegen sind es nur zwischen ein und zwei Prozent - der konsequenten Kampfansage an den Keim sei Dank. So niedrig wie in Holland war die Rate in Deutschland zuletzt 1990 - seither wurde ein schneller Anstieg verzeichnet.

          Monatelanges Überleben auf Hautschuppen

          „Die MRSA-Keime sind klassische Opportunisten“, sagt Kresken. Sie suchen sich Schwerkranke auf der Intensivstation oder Patienten nach einer Operation. Die Keime setzen sich in Wunden oder wandern über Katheter ins Körperinnere. Gesunde dagegen tragen MRSA häufig unbemerkt auf Haut und Schleimhäuten. Den Keim wieder loszuwerden ist schwierig: Weil die meisten Antibiotika den robusten MRSA nichts anhaben können, sind die Behandlungsmöglichkeiten eingeschränkt. Die Therapie ist aber nicht nur langwierig, sondern auch teuer.

          Dabei könnte schon gründliche Händehygiene die Ausbreitung von MRSA eindämmen helfen - und damit Kosten und viel Leid ersparen. Die ist aber nicht in allen deutschen Krankenhäusern selbstverständlich. Simple Hygieneregeln werden häufig verletzt, Ärzte und Schwestern geben den Keim nichtsahnend von Patient A an die Patienten B und C weiter, ein Händedruck genügt. Auf Möbeln, Stoffen, Hautschuppen kann das unempfindliche Bakterium monatelang überleben.

          „Das läßt vorsichtigen Optimismus zu“

          Zwischen einzelnen deutschen Krankenhäusern und sogar zwischen Stationen herrschen freilich beträchtliche Unterschiede, was den MRSA-Anteil angeht: „Einige haben eine Rate von 25 bis 30, andere von nur einem halben Prozent - letztere sind allerdings in der Minderzahl“, sagt Wolfgang Witte, Leiter des Nationalen Referenzzentrums für Staphylokokken in Wernigerode, einer Außenstelle des Robert-Koch-Instituts (RKI). Zwar ist zwischen 2001 und 2004 die MRSA-Rate in Deutschland nur noch wenig gestiegen, was die Fachleute auf verbesserte Aufklärung und Prävention zurückführen: „Das läßt vorsichtigen Optimismus zu“, sagt Witte. Doch die MRSA-Ausbreitung bleibt laut RKI ein „infektiologisches Problem höchsten Ranges“. Das derzeitige Vorgehen gegen den Keim reiche noch nicht aus.

          Die Niederländer dagegen sind in ihrem Vorgehen unerbittlich. „Search and destroy“ nennen sie ihre Anti-MRSA-Politik: „In anderen Ländern werden erst Maßnahmen ergriffen, wenn MRSA aus dem Ruder laufen, in den Niederlanden schon vorher“, sagt die Krankenhaushygienikerin Thea Daha von der Arbeitsgruppe Infektionsprävention in Leiden. Wer hier auch nur im Verdacht steht, Keimträger zu sein, wird mittels Abstrich getestet und bis zum Beweis des Gegenteils strikt von anderen Patienten getrennt. Zutritt zum Krankenzimmer bekommt nur, wer sich mit Mundschutz, Kittel und Handschuhen wappnet. In vielen deutschen Häusern läuft es dagegen umgekehrt. Wenn Risiko-Patienten überhaupt getestet werden, werden sie bis zum Vorliegen des Ergebnisses meist nicht isoliert. Die Keime haben Zeit, sich weiterzuverbreiten.

          „In Deutschland nicht immer der Fall“

          Von den Niederlanden lernen könnte Deutschland noch mehr. So hält Witte das MRSA-Frühwarnsystem für verbesserungsbedürftig: „Wenn ein Patient aus einem Krankenhaus mit MRSA-Fällen in ein anderes verlegt wird, dann sollte dieses natürlich vorgewarnt werden. Aber während so etwas in den Niederlanden beherzigt wird, ist das in Deutschland nicht immer der Fall.“ Auf der holländischen Checkliste mit vier Risiko-Kategorien ist der vorausgegangene Aufenthalt eines Patienten in einem ausländischen - und damit potentiell MRSA-verseuchten - Krankenhaus ein Isolationsfaktor.

          Auch das Pflegepersonal wird in Holland strikt überwacht. Wer sich mit dem Keim infiziert hat, wird mit noch wirksamen Antibiotika behandelt. „Mitarbeiter, die nicht geheilt werden können, werden aufgefordert, sich eine neue Beschäftigung zu suchen“, so Han de Neeling, Mikrobiologe am Nationalen Institut für Volksgesundheit und Umwelt (RIVM). Ihm ist sogar ein Fall bekannt, in dem sich ein Krankenhausmitarbeiter die Mandeln, einen potentiellen MRSA-Hort, herausoperieren ließ.

          Unnötiger Einsatz von Antibiotika

          Auch die Antibiotika selbst leisten der Entstehung und Verbreitung von MRSA-Bakterien Vorschub oder genauer: ihr unnötiger Einsatz, die falsche Dosierung, eine zu kurze oder zu lange Einnahme. All das härtet die Keime ab und macht sie unempfindlich gegen die einstigen Wunderwaffen. Wissenschaftler weisen auf den Zusammenhang zwischen hohem Antibiotika-Konsum und hoher MRSA-Rate hin: Länder wie Italien und Spanien, in denen die Bakterienkiller häufig verschrieben werden, haben mit mehr als 50 Prozent noch weitaus höhere MRSA-Raten als Deutschland.

          Wenig überraschend daher, daß im Gegensatz dazu die Niederlande nicht nur eine niedrige MRSA-Rate aufweisen, sondern auch eine restriktive Antibiotika-Strategie verfolgen. RIVM-Mikrobiologe de Neeling verweist auf eine Studie, nach der kein europäisches Land außerhalb des Krankenhauses einen derart niedrigen Antibiotika-Verbrauch hat. Wer an einer normalen Erkältung leidet, bekommt jedenfalls in den Niederlanden beim Hausarzt keine Antibiotika.

          Weitere Themen

          Tobi und die Mücken

          Wunscherfüllung für Kinder : Tobi und die Mücken

          Der zehnjährige Tobi hat Kinderdemenz. Er kann sich nicht mehr gegen Fliegen und Mücken wehren, die ihn piesacken. Der Frankfurter Verein MainLichtblick hat ihm darum einen Wunsch erfüllt.

          Topmeldungen

          Elena in ihrem silbernen Honda auf dem Weg an die Front

          Ukrainische Freiwillige : Elena fährt an die Front

          Jede Woche steuert eine Ukrainerin ihr Auto, beladen mit Fleisch, Eiern und Kartoffeln, von Odessa dort hin, wo die Bomben fallen. Es ist ihre Art zu kämpfen.
          Nach der Niederlage mit Frau und Töchtern: Australiens bisheriger Premierminister Scott Morrison

          Klima-Wahl : Australien straft den „Bulldozer“ ab

          In den vergangenen drei Jahren hat sich Australien schneller gewandelt als Scott Morrison. Das hat ihm sein Amt gekostet. Der neue Premierminister setzt auf eine andere Klimapolitik.
          Am Immobilienmarkt ging es in den letzten Jahren stark aufwärts. Doch der Hausbau wird aufgrund knapper Ressourcen immer teurer.

          Zinsanstieg : Wende am Immobilienmarkt

          Mit dem Zinsanstieg wird das Immobiliengeschäft schwieriger. Wegen des Mangels an Arbeitskräften und Materialien werden Neubauten aktuell immer teurer. Doch große und längerfristige Krisen sind noch nicht in Sicht.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.
          Baufinanzierung
          Erhalten Sie Ihren Bauzins in 3 Minuten
          Automarkt
          Finden Sie Ihren Gebrauchtwagen
          50Plus
          Serviceportal für Best Ager, Senioren & Angehörige