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Nichtraucher : Lustverschmutzung

Rauchen in Hollywood: Marilyn Monroe und Sir Laurence Olivier, 1956 Bild: AP

Rauchen galt stets als Zeichen von Emanzipation, Aufbruch und Freiheit. Aus und vorbei. Raucher sind jetzt die neuen Feinde der Menschheit. Doch das kann sich wieder ändern. Die Diskussion ums Rauchen hat eine lange Tradition.

          6 Min.

          Schade, daß es kaum mehr Wehrpflichtige gibt. Erst bei der Armee lernt man, richtig zu rauchen, vor allem: die Glut gegen die gekrümmte Handfläche zu richten, um dem Feind aus der Nacht unsichtbar zu bleiben. Diese Fertigkeit ist zur Zeit wieder gefragt. Raucher sind zum hostis generis humani erklärt worden, zum Feind der Menschheit, der sich besser verbergen sollte, diesmal vor den Gesetzeshütern. In Italien, dessen Nationaltrainer Marcello Lippi nach dem WM-Sieg verschämt an seinem Zigarillo nuckelte, müssen Raucher in isolierte Räume, wenn sie in Cafés ihrer Leidenschaft nachgehen wollen; in Irland, wo frei nach Heinrich Böll einst sympathische Menschen lebten, die lieber rauchten, als Eroberungszüge zu unternehmen, dürfen sie nicht einmal mehr in der Kneipe bleiben.

          Timo Frasch
          Politischer Korrespondent in München.

          Auch in Deutschland scheint nach der parlamentarischen Sommerpause, in der sich Franz Müntefering den einen oder anderen Zigarillo schmecken läßt, ein verschärftes Rauchverbot ins Haus zu stehen. Verbraucherschutzminister Horst Seehofer, der sich als Gesundheitsminister noch gegen ein Rauchverbot ausgesprochen hatte, will vom nächsten Jahr an zumindest das Rauchen in öffentlichen Gebäuden verbieten lassen. Selbst dann ginge es in Deutschland aber noch vergleichsweise liberal zu - sagt zumindest der Sprecher des Unternehmens British American Tobacco, das so legendäre Marken wie Lucky Strike, Pall Mall oder Schwarzer Krauser vertreibt.

          Treppenwitz der Geschichte

          Liberaler jedenfalls als in den Vereinigten Staaten, meint er. Dort kam es schon vor, daß in strittigen Fällen Leuten das Sorgerecht für ihre Kinder entzogen wurde, weil sie rauchten. In Kalifornien ist mittlerweile selbst der gut belüftete Strand rauchfreie Zone, in New York das bloße Aufstellen von Aschenbechern bußgeldpflichtig. Und in den Todeszellen der Gefängnisse von Texas wird den Sträflingen vor ihrer Hinrichtung die letzte Zigarette verwehrt. Der edle Pirat Walter Raleigh hatte sich das vor knapp 400 Jahren in England nicht bieten lassen: Als er enthauptet wurde, fiel sein Kopf mitsamt der Tabakpfeife in den Sand.

          Rauchen in Hollywood: Marilyn Monroe und Sir Laurence Olivier, 1956 Bilderstrecke
          Nichtraucher : Lustverschmutzung

          Es ist ein Treppenwitz der Geschichte, daß der Tabak aus Amerika stammt und erst von Kolumbus in Europa bekanntgemacht wurde. Kolumbus' damaliger Reisegefährte, Rodrigo de Jerez, der die Vorzüge des Rauchens schnell zu schätzen gelernt hatte, wurde nach der Heimkehr nicht gefeiert, sondern in den Kerker geworfen. Das "Teufelszeug", das aus seinen Körperöffnungen strömte, war der Heiligen Inquisition suspekt.

          Rauchen als Zeichen von Emanzipation

          So begannen die Feindseligkeiten. 1603/04 verfaßte der englische König Jakob I., der Walter Raleigh hinrichten ließ, die Hetzschrift "Misocapnus sive De abusu tobacci lusus regius". Auch dieses Standardwerk konnte freilich nicht verhindern, daß im Dreißigjährigen Krieg die neue Wunderwaffe, die bis heute die Moral jeder Truppe stärkt, über ganz Europa verbreitet wurde. Hundert Jahre später gebrauchten die mündigen Herren in den Salons die Zigarette als intellektuelle Waffe: In den hitzigen Debatten verschaffte sie ihnen die entscheidenden Sekunden, um den richtigen Konter zu setzen. Die Restauration gebot auch dem Einhalt: Ihr galt das Rauchen als Zeichen von Aufmüpfigkeit und als hinreichender Grund für eine Arrestierung. In einem Berlin-Reiseführer von 1846, wenige Jahre vor der Revolution, heißt es lapidar: "In der Stadt darf nicht geraucht werden."

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