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Nervosität oder Angststörung? : Ständig unter Strom

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Therapeuten werden häufig Zeuge davon, dass Nervosität und Angst nahezu identisch sein können. Bild: Jan-Hendrik Holst

„Nervosität“ – das hört sich nach einer harmlosen Gemütslage an. Ist es aber nicht. Sie kann Betroffene auf Dauer in ein Leben voller Angst drängen.

          7 Min.

          Einmal musste Tim Schneider eine schwierige Entscheidung treffen, und dabei wurde er sehr nervös. An seinem Arbeitsplatz gab es ein Problem mit den Rechnern, und viele Daten auf dem Server waren nicht mehr lesbar. Solche Dinge fallen in seinen Zuständigkeitsbereich, und die einzige Lösung, die Schneider sah, bestand darin, eine bestimmte Software zu aktivieren. Damit aber war wiederum das Risiko eines Datenverlusts verbunden: Wichtige Arbeiten seiner Kollegen könnten von einem Moment auf den anderen unwiederbringlich verloren sein, und er trüge daran die Schuld.

          Das Problem trat an einem Wochenende auf, und Schneider, ganz neu in dem Job, konnte niemanden erreichen, der ihm bei der Entscheidung zur Seite stand. Fast zwei Tage lang zerbrach er sich den Kopf darüber, ob es tatsächlich der richtige Schritt sein würde. Dann, am Sonntagabend und unter Qualen, entschied er: Ich drücke den Knopf und starte das Programm.

          Jeder halbwegs gewissenhafte Mensch wäre in so einer Situation nervös, könnte man an dieser Stelle einwenden, Schneider hat eben Verantwortungsgefühl. Es war keine einfache Entscheidung, immerhin war sein Arbeitgeber davon betroffen. Er selbst konnte das Erlebnis später aber mit all diesen Erklärungen, die nachvollziehbar klingen, nicht so einfach zu den Akten legen.

          Zwar hatte er die richtige Entscheidung getroffen und das Problem mit den Rechnern tatsächlich behoben, ohne dass dabei Daten verlorengingen. Trotz des ersten Aufatmens fragte Schneider sich hinterher dennoch, warum er sich die Wahrscheinlichkeit des eigenen Scheiterns ein ganzes Wochenende lang unermüdlich vor Augen geführt hatte. Zumal - und das war es vor allem, was ihn beunruhigte - er inzwischen immer häufiger Gelegenheit dazu fand, sich und seine Fähigkeiten in Frage zu stellen.

          Angst, nicht den Ansprüchen zu genügen

          Von außen betrachtet, gibt es dazu wenig Grund: Schneider, der eigentlich anders heißt, ist ein attraktiver Mann Ende dreißig, der im Gespräch ein bisschen schüchtern wirkt, aber aufgeweckt und sympathisch. In seinem Beruf als Wissenschaftler ist er erfolgreich und hat ein abwechslungsreiches Privatleben; seine Freizeit verbringt er mit Sport oder im Sprachkurs, mit seinem Partner oder mit Freunden. Und trotz alledem: Irgendwann wurde es immer schlimmer.

          Bei ihm nahm die Angst davor zu, nicht den Ansprüchen zu genügen und etwas falsch zu machen. Schon als Teenager hatte er sich leicht aus der Ruhe bringen lassen, aber nun erreichte seine Nervosität immer öfter ein Ausmaß, das es ihm kaum noch gestattete, überhaupt einen klaren Gedanken zu fassen.

          Es waren mittlerweile nicht mehr nur potentiell folgenreiche Entscheidungen wie die mit dem Rechner, die ihm ein flaues Gefühl im Magen verursachten, seinen Puls in die Höhe trieben und ihm den Appetit nahmen. Wenn er im Kollegenkreis etwas fragte und keiner antwortete, dann dachte er: Meine Frage war dumm. Wenn er seinem Freund eine Nachricht schickte und nicht binnen weniger Minuten eine Antwort erhielt, schlussfolgerte er: Mit der Beziehung stimmt etwas nicht. Wenn es ihn im Bauch zwickte, kam dafür nur eine Ursache in Betracht: ein Lebertumor.

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