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Schwerverletzte ohne Reha : Nach dem Unfall entlassen in den Stillstand

  • -Aktualisiert am

Wassergymnastik als Teil des Reha-Programms Bild: dpa

Dank der Hochleistungsmedizin überleben immer mehr Schwerverletzte. Doch ein Großteil von ihnen muss anschließend wochenlang auf die Reha warten. Die Rehabilitation verlängert sich so dramatisch. Unfallchirurgen schlagen Alarm.

          7 Min.

          Als Kira Rolfes vergangenen August in der irischen Grafschaft Galway ankam, hätte sie nicht glücklicher sein können: Die 20 Jahre alte Frau aus dem Örtchen Stavern im Emsland hatte gerade ihr Abi gemacht und schon die Zusage für einen Bauingenieur-Studienplatz in der Tasche. Bis es losging, wollte sie sechs Wochen lang in Irland auf einem Pferdehof arbeiten.

          Schon seit Kindertagen ist sie eine begeisterte Reiterin, nimmt mit ihrem Rodizio regelmäßig an Springreiterturnieren teil. Auf dem irischen Hof sollte sie die Ställe ausmisten, die Pferde striegeln, füttern, tränken und ausreiten. Ein Traum, der nach nur drei Wochen zum Albtraum wurde: Beim Ausreiten stieg eine Stute wie aus dem Nichts plötzlich so hoch, dass sie nach hinten kippte und mit voller Wucht auf das Becken der jungen Frau krachte, die aus dem Sattel geschleudert worden war. „Ich spürte gleich ein Knacken in meiner Hüfte und meinem Becken, konnte nicht mehr aufstehen und auch nicht mehr sitzen“, erinnert sich Rolfes. „Seltsamerweise hatte ich aber keine Schmerzen und dachte deshalb, ich sei nur leicht verletzt.“

          Leider war das Gegenteil der Fall: Nachdem ihre Eltern den Krankenrücktransport nach Deutschland organisiert hatten, diagnostizierten die Ärzte im Universitätsklinikum Münster gleich mehrere schwere Beckenverletzungen: Vorne waren Scham- und Sitzbein gebrochen, zudem zog auf der linken Seite ein Bruch in die Hüftpfanne hinein, der – wenn die Fraktur nicht optimal korrigiert wird – später zu einer Hüftarthrose führen kann. Außerdem war noch das Kreuzbein gebrochen.

          Nach Hause geschickt statt Reha

          Acht Stunden dauerte die technisch sehr aufwendige Operation, zweieinhalb Wochen lag Kira Rolfes im Krankenhaus. Der Heilungsprozess verlief hervorragend. Um ihn weiterhin optimal zu unterstützen, hätte die junge Frau direkt nach ihrer Entlassung aus dem Krankenhaus zur weiteren Therapie in eine orthopädische Reha-Klinik verlegt werden müssen. Doch stattdessen wurde sie nach Hause geschickt.

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          Nicht rehafähig – so lautet bei vielen Schwerverletzten genau wie bei Kira Rolfes die Beurteilung nach ihrer Krankenhausbehandlung. Es ist ein Absurdum: Dank der modernen Hochleistungsmedizin werden die Patienten im Krankenhaus optimal versorgt. Doch nach ihrer Akutbehandlung bleibt die zwingend erforderliche Rehabilitation aus. Sie sind schlichtweg zu krank, um die strengen Vorgaben der Deutschen Rentenversicherung zur Rehabilitationsfähigkeit zu erfüllen.

          Reha-Loch wirft Patienten zurück

          Das hat schwerwiegende Folgen: Sie fallen in ein sogenanntes Reha-Loch. Nach ihrem Krankenhausaufenthalt landen sie wie Kira Rolfes zu Hause oder kommen in die Kurzzeitpflege. „Damit entsteht eine Phase des Stillstands, die den Unfallverletzten in seinem Genesungsprozess zurückwirft“, sagt Professor Michael J. Raschke, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Unfallchirurgie (DGU) und Direktor der Klinik für Unfall-, Hand- und Wiederherstellungschirurgie am Universitätsklinikum Münster. „Die häusliche Pflege oder die Kurzzeitpflege ist für die Fortsetzung der Akutbehandlung nicht geeignet.“

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