https://www.faz.net/-gum-7t2h8

Mundgeruch : Komm mir ja nicht zu nah!

  • -Aktualisiert am

Einige Ursachen sind häufiger als andere. Karies hat, entgegen landläufiger Meinung, mit Mundgeruch wenig zu tun, wohingegen Parodontose zu den häufigen Ursachen gehört. Der häufigste Quell des Miefs ist jedoch die Zunge. Auf ihr sitzen etwa 60 bis 80 Prozent der im Mund befindlichen Bakterien. In den Furchen der rauen Oberfläche fühlen sich vor allem die sauerstoffscheuen Anaerobier besonders wohl.

Zu wenig Speichel als eine mögliche Ursache

Von einem Zungenschaber zur Behandlung rät Filippi jedoch ab, da er die tief sitzenden Bakterien nicht entfernt. „Lieber eine Zungenbürste in Kombination mit entsprechender Zungenpaste nehmen“, ist sein Rat. Die Produkte gibt es in großen Drogeriemärkten, manchmal sogar in gut sortierten Supermärkten frei zu kaufen. Doch der Experte warnt: Viele Patienten leiden beim Zungenreinigen unter Würgereiz. Regelmäßiges Anwenden, das Schließen der Augen und Festhalten der Zungenspitze sollen es besser machen. „Am besten lässt man sich die richtige Technik beim nächsten Zahnarztbesuch zeigen“, sagt Filippi. Mundwasser, Sprays und Spülungen helfen dagegen nur vorübergehend. Sie kommen nicht in ausreichendem Maß in die tieferen Bereiche der Zunge, in denen sich die Bakterien festgesetzt haben.

Zu wenig Speichel kann auch eine Ursache für fehlende Atemfrische sein. Die Funktion des Speichels ist es, Essens- und Gewebereste sowie Bakterien auszuschwemmen und damit den Mund sauber zu halten. Das Zuführen von Flüssigkeit von außen, insbesondere das Trinken, kann zwar kurzzeitig helfen - genau wie Kaugummi kauen, denn das regt den Speichelfluss an. Doch langfristig sollte man der Ursache auf den Grund gehen. Ein trockener Mund kann beispielsweise durch die Einnahme bestimmter Medikamente entstehen - in Deutschland sind etwa 1800 Präparate dafür bekannt, unter anderem Anti-Depressiva, Blutdrucksenker, Eisenpräparate, manche Antibiotika und Mittel gegen Allergien. Aber auch Gewohnheiten wie ausschließliche Mundatmung, Schnarchen, Rauchen oder der Genuss bestimmter Nahrungsmittel können die Speichelbildung behindern. Selbst Stress kann dazu führen, dass die Speicheldrüsen nicht mehr gut arbeiten. Weniger Speichelfluss führt zu mehr Geruch.

Bei Dauerstress empfiehlt Filippi deshalb Maßnahmen, wie sie auch Menschen empfohlen werden, die kurz vor dem Burn-out stehen: „Erlernen Sie Entspannungsübungen wie Muskelrelaxation nach Jakobson oder Autogenes Training.“

Mundgeruch noch immer ein gesellschaftliches Tabuthema

Findet Filippi bei seiner Diagnostik im Mund keine Ursache oder gibt es entsprechende Hinweise, werden seltenere Auslöser in Augenschein genommen. Zu einem HNO-Spezialisten schickt Filippi Patienten, wenn Entzündungen der Rachenmandeln oder in den Nebenhöhlen schuld am dauerhaften Mief sein können. Besonders sogenannte Mandelsteine - kleine gelbliche Knötchen, die aus verklüfteten Mandeln herausbröckeln, können einen üblen Geruch verbreiten.

Auch bei Pia Rudolf wurden nach einer langen Leidengeschichte und viel Ursachenforschung schließlich solche Bröckchen in den Vertiefungen ihrer Mandeln gefunden. Pia Rudolf wurde empfohlen, ihre Mandeln mit einem Laser glätten zu lassen. Filippi allerdings ist bei einer solchen Empfehlung vorsichtig. Experten würden diese neue Methode kontrovers diskutieren. Die Nebenwirkungen, wenn die Tonsillenoberflächen mit dem Laser einfach nur geebnet werden, seien nicht zu unterschätzen. Auch der Studienleiter Cees de Baat gibt sich zurückhaltend, da es zu der Methode noch keine Veröffentlichungen in anerkannten Fachjournalen gebe.

Pia Rudolf aber ist froh, für ihren Mundgeruch zumindest einmal einen Erklärungsansatz gefunden zu haben. Um ihn loszuwerden, würde sie fast alles ausprobieren und Nebenwirkungen in Kauf nehmen. Hauptsache, sie kann sich bald unbeschwerter unter Freunden und Kollegen bewegen.

Andreas Filippi, zu dem die Patienten oft erst nach einem langen Leidensweg kommen, wünscht sich, dass Mundgeruch nicht mehr ein solches Tabuthema in der Gesellschaft ist: „Wenn Mundgeruch etwas wäre, das man im Alltag besprechen könnte, wäre den Betroffenen sehr geholfen.“ Dann fänden vielleicht auch mehr Menschen früher den Weg zu einer hilfreichen Behandlung.

Lebensmittel, die schlechten Atem machen

Unangenehme schwefelhaltige Gerüche entstehen besonders, wenn die Bakterien Eiweiße (Proteine) abbauen. Proteinhaltig sind bekanntermaßen Milch, Käse, Fisch, Fleisch und Eier. Abgesehen davon sollte sich, wer zu Harzer Roller greift, nicht wundern, wenn der auch nach dem Verzehr noch seinen zweifelhaften Duft verbreitet. Zwiebeln wirken ähnlich wie Knoblauch, da sie bereits von Natur aus viele schwefelhaltige Stoffe enthalten. Ungünstig sind außerdem Fleischzubereitungen mit heftigem Eigengeruch wie Salami oder Leberwurst. Auch alles, was den Speichelfluss mindert, erleichtert den Bakterien die geruchsintensive Arbeit. Aufpassen sollte man daher mit koffeinhaltigen Getränken - Kaffee und Tee sollten nicht im Übermaß konsumiert werden -, aber auch mit Alkohol und scharfen Speisen.

 

Auch die Götter hatten Mundgeruch

Die griechische Göttin Aphrodite soll die Frauen der Insel Lemnos mit übelriechendem Atem bestraft haben, da diese sie vernachlässigt hatten. Als Folge blieben die Gatten fern und vergnügten sich mit Sklavinnen, was wiederum die eifersüchtigen Ehefrauen dazu brachte, alle männlichen Bewohner der Insel zu ermorden. Ganz so schlimm sind die zu erwartenden Auswirkungen von Mundgeruch bei uns nicht. Doch tatsächlich leiden Betroffene oft am meisten darunter, dass sie sich im sozialen Leben ausgegrenzt fühlen. Manche trauen sich selbst gegenüber ihren Kindern und Partnern nicht, dieses Leid zu thematisieren. Informationen und Ansprechpartner finden Betroffene unter anderem unter: www.ak-halitosis.de/ansprechpartner.

Weitere Themen

Topmeldungen

Sinnbild für einen narzisstischen Chef: Michael Douglas als Gordon Gekkoim Film „Wall Street“

Narzissmus im Job : Wenn der Chef nur sich selbst liebt

Der Vorgesetzte ist dominant, leicht kränkbar oder cholerisch? Schnell liegt der Verdacht einer Persönlichkeitsstörung in der Luft. Doch schwierige Chefs sind nicht immer gleich Narzissten.
Christine Lagarde, Präsidentin der Europäischen Zentralbank (EZB)

Anleihekäufe : Die EZB bleibt im Krisenmodus

Die jüngsten Beschlüsse zu den Anleihekäufen der Europäischen Zentralbank sind rechtlich bedenklich und strategisch äußerst ungeschickt, schreiben die Gastautoren Laus Adam und Hans Peter Grüner.