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Multiple Sklerose : „Das kann ich nicht aufzählen, was ich alles verloren habe“

Heulend rast sie mit dem Auto um die Berliner Siegessäule, brüllt: „Warum ist es nicht Krebs oder etwas garantiert Tödliches?“ Ein erster Neurologe will die Diagnose nicht glauben: MS-Kranke sind doch träge, aber sie sei ja voller Energie, sie könne kein MS haben. Hat sie aber. Auch wenn sie es nicht wahrhaben will und sich in noch mehr Arbeit stürzt. Filmausstattungen, Lichtassistenzen, Bühnenbildübertragungen. 1998 arbeitet sie ein letztes Mal mit Robert Wilson. Die Krankheit zeigt sich überdeutlich: Lindenberg erblindet auf dem linken Auge, verliert den Appetit, bekommt Depressionen. 2001, nach dem Besuch einer Klinik für chinesische Medizin, gibt es einen Hoffnungsschimmer. Aber bald kommt alles zurück, die Empfindungsstörungen, die lähmenden Schmerzen. 2003, mit 38 Jahren, geht sie völlig erschöpft in Rente.

Wenige Jahre später kann Lindenberg kaum noch laufen, die spastischen Anfälle werden schlimmer. Sie versucht alles: Meditation, progressive Muskelentspannung, Vitamin-D-Lichttherapie, aber die Krankheit ist nicht aufzuhalten. Bei der Beerdigung ihrer Mutter sitzt sie im Rollstuhl. Hoffnung auf Heilung gibt es nicht.

Therapie jenseits von Krankengymnastik und Tabletten

Auch eine neue, in der Fachwelt umstrittene Behandlungsmethode des italienischen Gefäßchirugen Paolo Zamboni bringt keinen Nutzen. Also entwickelt Vera Lindenberg eine eigene Therapie jenseits von Krankengymnastik und Tabletten: Sie macht einen Film über ihr Leben, ihr Leiden, ihren Kampf. Mit alten Familienfotos und aktuellen Videoaufnahmen erzählt sie retrospektiv davon, wie die als unheilbar eingestufte Krankheit langsam von ihr Besitz ergriffen hat. Ohne Weinerlichkeit zeigt „Itchi – Mein Weg“, der inzwischen zu mehreren Online-Filmfestivals eingeladen ist, die Lebensleistung einer Frau, die darin besteht, sich nicht unterkriegen zu lassen. Robert Wilson erinnert sich darin an die Zusammenarbeit mit der selbstbewussten Frau und erklärt die Begegnung mit ihr kurzerhand zum Wesensimpuls seiner künstlerischen Arbeit: „Learn by walking and falling down!“

„Was vermisst du am meisten?“, wird Lindenberg im Film einmal gefragt. Nach langem Schweigen antwortet sie: „Das kann ich nicht aufzählen, was ich alles verloren habe.“ Aber am meisten habe sie Angst davor, „weg zu müssen“. Weg von dieser Welt, ihrem Mann, den Blicken aus dem Fenster hinaus aufs Grün. Und dann sieht man sie in einem Auto sitzen, auf ihrem Spezialsitz, bei einer Spazierfahrt durch den Berliner Sommer. Und aus ihren Augen strahlt das Licht, all die Kraft, die noch in ihr steckt und heraus will. Die Kunst hat sie stark gemacht, diese Vera Lindenberg, stark genug für ein Leben in Schwäche.

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