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Moderne Pflaster : Hält und heilt zugleich

  • -Aktualisiert am

Innovation: Mediziner Carsten Mahrenholz mit dem Plasma-Pflaster. Bild: Wackerchemie

Infektionen behandeln und bei Stürzen Alarm schlagen: Moderne Pflaster decken nicht mehr einfach nur die Wunden ab. Wir stellen die neuen Alleskönner vor.

          3 Min.

          An einem Mittwochabend wussten die Spezialisten der RWTH Aachen nicht mehr weiter mit ihrer jungen Patientin. Die Frau hatte sich mit Benzin übergossen und angezündet. Ihr Körper war übersät mit Brandwunden. Und, das machte eine schwierige Lage zu einer nahezu aussichtslosen: Die Wunden waren infiziert mit einem multiresistenten Keim – einem von der Art, gegen die besonders viele Antibiotika machtlos sind. Zwei Versuche, der Frau Haut zu transplantieren, waren schon gescheitert. Der dritte stand bevor. Deshalb riefen die Mediziner in Greifswald an, bei Carsten Mahrenholz. Würde seine Erfindung helfen können?

          Mahrenholz hatte zusammen mit einem Team am Leibniz-Institut für Plasmaforschung und Technologie ein Pflaster entwickelt, das Wunden mit kaltem Plasma behandelt; einem gasförmigen Mix aus ionisierten Molekülen. Erste Versuche hatten gezeigt, dass der Stoff die Heilung beschleunigt, bei chronischen Wunden und Druckgeschwüren hilft. Und dass er Bakterien tötet, auch die multiresistenten. Das Problem war nur: Das Pflaster war noch gar nicht fertig.

          Eine Situation, die gleich auf mehreren Ebenen problematisch ist. Technisch natürlich. Rechtlich auch, da Patienten nicht mit nicht zugelassenen Produkten behandelt werden dürfen. Eigentlich. Die Ärzte entschieden sich aber in dem Fall für einen individuellen Heilversuch – etwas, was ihnen in Absprache mit den Patienten neue Therapien erlaubt, wenn alles andere nichts hilft. Das Plasma-Pflaster aus Greifswald sollte es also in diesem Fall sein, oder besser: der Prototyp, eher eine Plasma-Kanone, „ein Ungetüm aus Kabeln und Gasflaschen“, wie Miterfinder Mahrenholz sagt. „Aber wenn wir die Chance haben, zu helfen, dann haben wir auch die Pflicht dazu.“

          Zahlreiche Innovationspreise für Mahrenholz

          Das Greifswalder Team machte sein Ungetüm über Nacht einsatzfähig, fuhr am nächsten Tag nach Aachen, 760 Kilometer weit. Die Patientin wurde mit kaltem Plasma behandelt, dann transplantierten ihr die Ärzte zum dritten Mal Haut. „Sie hat sie behalten“, erzählt Mahrenholz.

          Gut drei Jahre ist das jetzt her. Das Pflaster aus Greifswald sieht inzwischen aus wie ein Pflaster (siehe Foto oben). Mahrenholz und die von ihm gegründete Firma haben zahlreiche Innovationspreise gewonnen. Die Wirkung von kaltem Plasma auf die Wundheilung, besonders bei chronischen Wunden wie offenen Beinen, ist in kleineren Studien bestätigt worden. Demnächst soll es eine größere, öffentlich geförderte Studie mit den Pflastern geben.

          Der Klassiker: Das Heftpflaster schützt die Wunde zwar, mehr aber auch nicht.

          Die Erfindung aus Greifswald ist Teil einer kleinen Revolution. Herkömmliche Pflaster können Wunden abdecken – das ist wichtig, aber das war es dann auch schon. Neben dem Plasma-Pflaster aus Greifswald gibt es gerade einige Entwicklungen aus der Abteilung Draufkleben, die mehr können. Am Massachusetts Institute of Technology in Boston zum Beispiel entwickeln Forscher ein Pflaster, das Wundinfektionen erkennen und selbständig antibakterielle Stoffe in der benötigten Dosis ausschütten soll. Außerdem ist eine App-Schnittstelle geplant, um Ärzte zu warnen, wenn unter der Wundauflage etwas Ungutes zugange ist – womöglich spart das künftig schmerzhafte und zeitaufwendige Verbandswechsel. Das ist auch die Hoffnung von Forschern an Universitäten in der Schweiz und Großbritannien. Dort werden verschiedene Pflaster entwickelt, die von außen, beispielsweise durch Leuchten, zeigen sollen, wie gut eine Wunde verheilt und ob sie sich infiziert.

          Sensor in Pflaster findet Demenzkranke

          Carsten Mahrenholz, der Plasma-Mann aus Greifswald, glaubt, dass seine Erfindung der Konkurrenz eines voraushat: die Wirkung auf multiresistente Keime. „Kaltes Plasma richtet unter Keimen jeglicher Art, auch unter den multiresistenten, ein Massaker an“, sagt Mahrenholz. Der Effekt ist in ersten Versuchen gezeigt worden – und er könnte helfen, eines der größten Zukunftsprobleme zu lösen, das die Medizin hat. Schätzungen des Bundesgesundheitsministeriums zufolge infizieren sich jährlich etwa 400.000 bis 600.000 Patienten in deutschen Krankenhäusern mit multiresistenten Keimen, bis zu 15.000 von ihnen sterben daran.

          Das herkömmliche Pflaster ganz anders weitergedacht hat ein Mann in Fürth. Jürgen Besser war an einem Projekt des Bundesforschungsministeriums beteiligt, bei dem unter anderem der Prototyp eines Pflegepflasters herausgekommen ist. Ein biegsamer Sensor, der Pflegebedürftigen in den unteren Rücken geklebt wird und Alarm schlägt: wenn die Betroffenen stürzen, sich in der Nacht nicht oft genug drehen und drohen, sich wundzuliegen, wenn Demenzkranke alleine durch von zu Hause oder dem Heim weit entfernte Straßen ziehen.

          Besser hat aus der Idee ein Unternehmen gemacht und das Pflaster Moio genannt. „Die vom Sensor erfassten Daten werden nicht aufgezeichnet“, sagt er, wenn er danach gefragt wird, ob er mithelfen will, einen gläsernen Patienten zu schaffen. „Wir halten nichts davon, massenhaft Rohdaten anzusammeln.“ Nur wenn einer der vom Pflaster erfassten Parameter nicht der Norm entspricht, sendet es ein Signal an das Smartphone von Pflegern oder Angehörigen.

          Besser hofft, dass sein Produkt im Frühjahr 2019 marktreif ist. Die amerikanische Arzneimittelbehörde hat ein anderes Sensorpflaster schon vor einiger Zeit zugelassen: RootiRx, wie die Erfindung heißt, wird den Patienten auf die Brust geklebt und schreibt ein EKG. Jedem, der schon einmal mit so einem kleinen Langzeit-EKG-Kästchen um den Hals herumgelaufen ist, wird der Vorteil dieser Lösung sofort einleuchten. Und mit dem klassischen Heftpflaster, dessen Reste man nur mit Waschbenzin von der Haut bekam, haben solche Produkte höchstens noch entfernt zu tun.

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