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Michael Pollan : „Unsere Esskultur beruht auf Missbrauch“

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Michael Pollan: „Die Nahrungsmittelblase wird platzen” Bild:

Zahle mehr, iss weniger. Koche und, wenn es dir möglich ist, lege einen Garten an. Der amerikanische Food-Philosoph Michael Pollan will Verbraucher dazu bringen, sich mehr Gedanken über ihr täglich Brot zu machen.

          Der amerikanische Journalist Michael Pollan schrieb zunächst über das Gärtnern und Architektur, bevor er sich seinem Hauptthema, dem Essen, zuwandte. 2001 erschien sein Buch „The Botany of Desire“ (Botanik der Begierde, Claassen), 2006 etablierte er sich mit dem Werk „The Omnivore's Dilemma“, auf dem auch der auf der Berlinale erstmals in Europa gezeigte Film „Food, Inc.“ basiert. Darin fordert er ein radikales Nachdenken über Landwirtschaft und Lebensmittelindustrie. Im Interview erklärt Pollan, warum er die ökologische Landwirtschaft für „extrem effizient“ hält.

          Herr Pollan, Sie treten dafür ein, dass wir unsere Essgewohnheiten grundsätzlich überdenken. Was läuft aus Ihrer Sicht falsch?

          Ich fordere kein „Überdenken“, sondern dass die Leute überhaupt anfangen nachzudenken. Das größte Problem ist, dass wir essen, ohne uns Gedanken darüber zu machen. Jedesmal, wenn wir essen, gehen wir eine Wechselbeziehung mit einer anderen Spezies ein, einem Stück Land, einer Kultur. Die ganze Fastfood-Kultur versucht uns zu vermitteln, Essen sei lediglich Treibstoff. Ich glaube, dass man bessere Entscheidungen trifft, wenn man sich die Mühe macht, ein wenig mehr über das, was man isst, in Erfahrung zu bringen.

          In Ihren Büchern und dem Film „Food Inc.“ zeigen Sie, dass es ziemlich erschreckende Folgen haben könnte, wenn wir bei unseren gegenwärtigen Essgewohnheiten bleiben.

          Ich glaube nicht, dass das überhaupt möglich ist, weil unsere gegenwärtige Esskultur auf so viel Leid beruht, so viel Missbrauch der Erde und der Menschen, die unsere Nahrung erzeugen, dass sie einfach nicht nachhaltig ist. Und wenn wir etwas als nicht nachhaltig bezeichnen, dann heißt das, dass es selbst die Bedingungen zerstört, auf denen es beruht - und daher zusammenbrechen wird. Ich denke, wir sehen bereits Anzeichen dafür, dass das Nahrungsmittelsystem allmählich kollabiert. Nehmen Sie etwa die zunehmende Resistenz gegenüber Antibiotika, die sich auf unsere Art der Massenhaltung von Schweinen zurückführen lässt. Oder das Bienensterben, bei dem niemand so richtig den Grund kennt. Es wird eine Wende geben, und sie wird entweder durch eine Krise herbeigeführt werden oder durch unseren Willen, etwas zu verändern, weil eine neue Art des Essens viel vergnüglicher ist. Ich hoffe, dass das Vergnügen vor der Krise kommt.

          Wird die „Nahrungsmittelblase“ sonst platzen, wie es gerade in der Finanzwelt geschehen ist?

          In gewisser Weise beruht die Nahrungsmittelblase auf billiger Energie, billigem Öl, denn wir erzeugen unser Essen eigentlich, indem wir Öl ins Land pumpen, und wir haben letztes Jahr gemerkt, wie die Nahrungsmittelpreise in die Höhe geschossen sind, weil der Ölpreis stieg. Überall auf der Welt haben Menschen gehungert und hungern immer noch. Meine Botschaft an die politische Führung der Vereinigten Staaten und anderer Länder lautet: Wenn sie tatsächlich das Thema Klimaveränderung anpacken wollen und die Krise im Gesundheitswesen, dann müssen sie sich mit dem Nahrungsmittelsystem beschäftigen, denn diese Frage steht hinter all diesen anderen Problemen.

          Aber ist denn die Situation in Amerika überhaupt vergleichbar mit der in Europa?

          Ja, immer mehr, obwohl die Industrialisierung der Lebensmittel in Europa noch nicht ganz so weit fortgeschritten ist, die Verbindungen zum Ursprung noch etwas präsenter sind. In Amerika sind die meisten Menschen noch nie auf einer Farm gewesen. Außerdem gibt es in Europa stärker ausgeprägte Esskulturen, während wir in Amerika unsere Esskultur mit jeder Generation verändern, einfach mitgerissen werden von Marketing und Werbung.

          Mais spielt eine sehr bedeutende, aber keine positive Rolle in Ihren Büchern und dem Film - worin besteht Ihr Problem mit Mais?

          Ich habe nicht das geringste Problem mit Mais als Nahrungsmittel, ich liebe zum Beispiel Polenta. Ich wende mich aber gegen die riesigen Monokulturen von Industriemais, der kein Nahrungsmittel ist, sondern nur Rohstoff für die Lebensmittelindustrie. Der wird zu Glucose-Fructose-Sirup verarbeitet und all den seltsamen Inhaltsstoffen, die auf den Verpackungen auftauchen. Ich habe gegen gar kein Nahrungsmittel Einwände, solange es in vernünftigen Mengen angebaut und verzehrt wird. Aber Mais wird in derart kolossalen Ausmaßen angebaut, dass er zusammen mit Sojabohnen praktisch alle anderen Pflanzen aus der Landschaft Amerikas verdrängt hat. Zu viel von egal was ist aber schlecht, weil wir Allesfresser sind. Wir brauchen von Natur aus fünfzig bis hundert verschiedene chemische Stoffe, die alle in der Natur vorhanden sind - aber eben nicht in einer einzigen Pflanze wie dem Mais.

          Als Renate Künast 2001 deutsche Landwirtschaftsministerin wurde, stieß sie auf enormen Widerstand, als sie entschlossen für den Bio-Anbau eintrat - haben technischer Fortschritt und Industrialisierung nicht die Welt vor dem Hunger gerettet?

          Die Industrialisierung der Landwirtschaft kann auf einige unglaubliche Erfolge verweisen. Unser Essen ist sehr billig geworden, nur noch wenige von uns müssen sich tatsächlich mit seiner Erzeugung beschäftigen, und dadurch konnten die Städte wachsen. Manche sehen das positiv. Aber meiner Meinung nach muss man auch die Kosten betrachten, und die bestehen in der Erosion des Bodens und in der Verarmung derjenigen, die unsere Nahrungsmittel erzeugen. Außerdem ist die Situation heute eine andere. Auf Bio-Anbau umzustellen bedeutet nicht weniger Produktivität - Bio-Anbau ist heute extrem effizient. Es gibt Studien, die zeigen, dass die Erträge vergleichbar sind, und in Jahren mit extremen Wetterbedingungen sogar zuverlässiger, weil das ganze System robuster ist.

          Ist Biodynamik in Amerika ein Thema?

          Auf jeden Fall, der biodynamische Anbau verbreitet sich zunehmend, und es gibt einige sehr gute Farmer in Amerika, die so arbeiten und sehr erfolgreich sind. Allerdings ist der Begriff den meisten amerikanischen Konsumenten noch nicht vertraut. Es wird viel experimentiert, und es gibt viele Methoden - Bio ist nur eine Möglichkeit. Es geht darum, ob ein System auf den natürlichen Systemen basiert, das ist die Schlüsselfrage. Wenn das der Fall ist, dann lasst tausend Blumen blühen! Wir sollten nicht nur ein einziges Erzeugungssystem von Nahrungsmitteln haben, das ist gleichermaßen Monokultur-Denken und viel zu riskant. Wir brauchen mehr Widerstandsfähigkeit, und die erreicht man durch Vielfalt.

          Seit Ausbruch der Finanzkrise sind die Umsatzzahlen der Discounter selbst in Frankreich gestiegen, und McDonald's ist eines der wenigen Unternehmen, das von den Ereignissen zu profitieren scheint.

          Das stimmt, aber es lässt sich auch Positives erkennen; statt ins Restaurant zu gehen, bleibt man in Krisenzeiten eher zu Hause und kocht selbst. In Amerika ist die Zahl privater Gemüsegärten vergangenes Jahr um 64 Prozent gestiegen. Ich möchte nicht übertrieben optimistisch erscheinen, aber die Menschen werden so auch gezwungen, sich wieder mit dem Essen auseinanderzusetzen - etwa, wie sich aus einem Huhn drei Mahlzeiten kochen lassen, anstatt nur Hühnerbrüste zu kaufen. Oder einen Teil ihres Essens selbst anzubauen. Ich hoffe einfach, dass es sich in diese Richtung bewegen wird, denn industrielle Lebensmittel sind bei weitem nicht so günstig, wie es scheint. Es führt kein Weg daran vorbei: Um besser zu essen, müssen wir entweder mehr Zeit oder mehr Geld investieren. In Amerika geben wir durchschnittlich nur 9,5 Prozent unseres Einkommens für Nahrung aus, das ist der niedrigste Wert in der Geschichte der Menschheit, und das ist nicht realistisch.

          Im Buch „The Omnivore's Dilemma“ fragen Sie einen Biobauern, wie sich die Großstädte ernähren lassen, und er entgegnet, Großstädte interessierten ihn nicht. Ist das die Lösung?

          Für ihn vielleicht, aber für mich nicht. Ich brauche eine Antwort darauf, und die Regierung braucht ebenfalls eine Antwort. Denn abgesehen von der Ernährung, sind Städte nachhaltiger. Wenn wir zusammenrücken, verbrauchen wir weniger Energie für Heizung und Verkehr. Wenn also urbane Zentren Teil unser Vision einer umweltgerechten, nachhaltigen Zukunft sind, dann ist die Frage der Ernährung sehr wichtig. Ich denke, wir müssen uns mehr mit urbaner Landwirtschaft auseinandersetzen, das Potential zur Nahrungsmittelerzeugung in den Städten viel besser ausnützen.

          Der vieldiskutierte Garten beim Weißen Haus

          Das wäre ein Anfang, aber Dächer sind noch viel interessanter; es gibt Forschungen zum Gemüseanbau auf Dächern. Und je knapper das Öl wird, desto wichtiger wird es, Äcker in der Nähe der Städte zu erhalten. So, wie man Naturschutzgebiete nicht als Bauland nutzen darf, werden wir auch für Äcker Schutzregelungen schaffen müssen. Wissen Sie, ich glaube nicht, dass uns eine Wahl bleibt. Die Vorstellung, unser Essen um den halben Erdball zu transportieren, wird sehr bald sehr kurios erscheinen. Vermute ich.

          Michael Pollan

          Der amerikanische Journalist Michael Pollan, Jahrgang 1955, schrieb zunächst über das Gärtnern und Architektur, bevor er sich seinem Hauptthema, dem Essen, zuwandte. 2001 erschien sein Buch „The Botany of Desire“ (Botanik der Begierde, Claassen), 2006 etablierte er sich mit dem Werk „The Omnivore's Dilemma“ (auf dem auch der auf der Berlinale erstmals in Europa gezeigte Film „Food, Inc.“ basiert). Darin fordert er ein radikales Nachdenken über Landwirtschaft und Lebensmittelindustrie.

          Nora Ephron hat darüber in der „New York Times“ geschrieben: „Ich habe unzählige Male versucht, meinen Freunden zu erklären, wie unglaublich dieses Buch ist. Ich habe endlos darüber geredet, wie brillant Pollan über Essen schreibt - aber eigentlich geht es nicht ums Essen, sondern um alles . . . Nun, kurzum, ich versuche es, und es gelingt mir nicht, und dann gebe ich ihnen einfach das Buch, und früher oder später rufen sie an und sagen, ,Du hast recht, es ist phantastisch.'“

          „Das Dilemma des Allesfressers“ ist bisher nicht auf Deutsch erschienen - ein guter Grund, die eigenen Englischkenntnisse aufzufrischen, so packend sind Pollans Forschungen über die Ursprünge unseres Essens. Mit „In Defense of Food“, das im vergangenen Jahr erschien (und im Juli auf Deutsch erhältlich sein wird), hinterfragt Pollan noch intensiver, was wir essen, wie wir essen und ob das, was angeblich gesund sein soll, wirklich gut für uns ist. (heinz.)

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